Vater ist auch dabei
Und als sie zogen in den Krieg –
Vater war Maikäfer – Maikäfer flieg –
Da standen am Fenster die zwei,
Vergrämt, verhungert, Mutter und Kind,
Tränen wuschen die Augen blind:
Vater ist auch dabei –
Der Krieg war zu Ende. Er kam nach Haus.
Er zog die zerlumpte Montur sich aus.
Am Fenster standen die zwei:
»Geh nicht auf die Straße!« »Ich muß, ich muß -«
Und Schuß auf Schuß! Hie Spartakus!
Vater ist auch dabei!
Vorbei der Traum der Revolution;
Wenn früh die Kolonnen ziehn zur Fron,
Stehen am Fenster die zwei:
Es zieht ein Zug von Hunger und Leid
In Ewigkeit – in die Ewigkeit –
Vater ist auch dabei.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Vater ist auch dabei“ von Klabund ist eine düstere, vielschichtige Betrachtung über Krieg, Verlust, die Ernüchterung nachrevolutionärer Hoffnungen und die unaufhörliche Präsenz des Vaters – des Mannes, des Bürgers, des Opfers und des Täters zugleich – in diesen Zyklen von Leid und Gewalt. Es ist ein Gedicht, das sich auf subtile Weise mit den Schrecken des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt, indem es die Perspektive der zurückgelassenen Familie und die sich wiederholenden Muster des menschlichen Elends in den Mittelpunkt rückt.
Die ersten beiden Strophen zeigen einen Vater, der zuerst in den Krieg zieht und dann, zurückgekehrt, in eine Revolution involviert ist. Die kindliche Reimstruktur „Maikäfer flieg“ und die Einfachheit der Sprache stehen in krassem Gegensatz zum thematischen Inhalt des Krieges und der politischen Unruhen. Die Präsenz von Mutter und Kind am Fenster, die Sehnsucht und Angst widerspiegeln, ist ein wiederkehrendes Motiv, das die Beständigkeit des Leids und der Sorge in der Abwesenheit des Vaters verdeutlicht. Die Phrase „Vater ist auch dabei“ wird zur Chiffre für die allgegenwärtige Bedrohung und die Unvermeidlichkeit von Gewalt, sowohl im Krieg als auch in der scheinbar hoffnungsvollen Revolution. Die Verwendung von „Spartakus!“ am Ende der zweiten Strophe deutet auf eine politische Enttäuschung hin, eine gescheiterte Revolution und die damit verbundene weitere Gewalt.
Die dritte Strophe, die mit den Worten „Vorbei der Traum der Revolution“ beginnt, markiert eine weitere Wendung des Themas. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist zerbrochen, und die Familie wird erneut mit den Folgen konfrontiert. Das Bild der „Kolonnen“, die „zur Fron“ ziehen, evoziiert ein Bild von Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit. Die ewige Wiederholung der Verzweiflung, die durch das sich wiederholende Motiv der am Fenster stehenden Familie ausgedrückt wird, mündet in die ewige Wiederkehr des Leidens, die durch die Zeile „In Ewigkeit – in die Ewigkeit – / Vater ist auch dabei“ besiegelt wird. Der Vater ist nicht nur physisch anwesend, sondern auch Teil der sich wiederholenden Tragödie.
Das Gedicht nutzt einfache Sprache und eine repetitive Struktur, um seine Botschaft zu verstärken. Die Wiederholung des Refrains „Vater ist auch dabei“ wird zur Metapher für das Unvermeidliche, die Ohnmacht und die scheinbar endlose Kette von Krieg, Revolution und sozialer Ungerechtigkeit, die sich durch das Leben der Menschen zieht. Klabunds Gedicht ist ein Appell, die zyklische Natur des menschlichen Leids zu erkennen und die Muster zu durchbrechen, die zu immer wiederkehrendem Schmerz führen. Es ist ein erschütterndes Zeugnis der Verzweiflung und des Verlusts, das uns bis heute zum Nachdenken anregt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.