Regenschirmparaden
Vor unserm Feldmarschall, dem Ruppert:
Wie manches Heldenherz da puppert.
Man sieht mit Schirmen und mit Stöcken
Vorbeimarschiern die alten Recken.
Mit achtzig und mit neunzig Jahren
Sind sie von weitem hergefahren,
Um mit den wackeligen Gliedern
Den Königsgruß steif zu erwidern.
Ach, besser wär′s, ihr alten Knaben,
Ein Rückgrat überhaupt zu haben
Im Leben und daheim im Laden
Und nicht bei völkischen Paraden.
Wenn ihr im Feld spazieren tut,
Zieht ihr da euren Sonntagshut
Und reckt ihr euch aus den Gesträuchen
Vor den (zum Beispiel) Vogelscheuchen?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Regenschirmparaden“ von Klabund ist eine satirische Kritik an den patriotischen Ritualen und dem militärischen Ehrgeiz, die in der Zeit, in der es entstand, offenbar weit verbreitet waren. Es zeichnet ein ironisches Bild von alternden Veteranen, die mit ihren Regenschirmen und Stöcken an einer Parade zu Ehren des Feldmarschalls Ruppert teilnehmen.
Die ersten beiden Strophen beschreiben die Szenerie der Parade: alte Männer, weit über achtzig oder neunzig Jahre alt, reisen von weither an, um mit zitternden Gliedern dem König ihre Ehre zu erweisen. Der Begriff „puppert“ im ersten Vers, der sich auf die zitternden Heldenherzen bezieht, suggeriert eine gewisse Lächerlichkeit und Schwäche dieser alten Krieger. Die Darstellung dieser alten Männer, die sich steif und gebrechlich präsentieren, steht im deutlichen Kontrast zu dem, was man sich von einer militärischen Parade erwartet: Stärke, Disziplin und jugendliche Vitalität.
Die dritte Strophe enthält die eigentliche Kritik des Gedichts. Klabund äußert den Wunsch, dass diese alten Herren im Leben selbst, im Alltag und „daheim im Laden“, Rückgrat zeigen würden, anstatt ihre Energie in nationalistischen Paraden zu verschwenden. Hier wird die leere Geste der Parade bloßgestellt: Sie ist eine Fassade, die die tatsächliche Schwäche und das Alter der Teilnehmer überspielen soll. Der Hinweis auf „völkische Paraden“ lässt zudem eine politische Dimension anklingen, die sich gegen eine übertriebene Verehrung des Militärischen richtet.
Die letzte Strophe greift die Absurdität der Situation nochmals auf. Die Frage, ob die alten Männer auch im Alltag, beim Spaziergang durch die Natur, ihren Sonntagshut tragen und sich vor Vogelscheuchen verbeugen, unterstreicht die Künstlichkeit und Unnatürlichkeit ihres Verhaltens. Die Vogelscheuchen, die als Symbol für das Trivial und das Alltägliche stehen, werden hier mit dem Feldmarschall gleichgesetzt, was die Ironie weiter verstärkt und die Sinnlosigkeit des gesamten Spektakels betont. Insgesamt ist das Gedicht eine beißende Kritik an militaristischer Überhöhung und am Verlust des gesunden Menschenverstandes im patriotischen Eifer.
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Lizenz und Verwendung
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