Schwindsüchtige
1890Sie müssen ruh′n und wieder ruh′n, Teils auf den patentierten Liegestühlen Sieht man in Wolle sie und Wut sich wühlen, Teils haben sie im Bette Kur zu tun.
Nur mittags hocken krötig sie bei Tisch Und schlingen Speisen: fett und süß und zahlreich. Auf einmal klingt ein Frauenlachen, qualreich, Wie eine Aeolsharfe zauberisch.
Vielleicht, daß einer dann zum Gehn sich wendet, - er ist am nächsten Tage nicht mehr da - Und seine Stumpfheit mit dem Browning endet…
Ein andrer macht sich dick und rund und rot. Die Ärzte wiehern stolz: Halleluja! Er ward gesund! (und ward ein Halbidiot…)
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Interpretation
Das Gedicht "Schwindsüchtige" von Klabund beschreibt das Leben von Tuberkulosepatienten in einer Sanatorium. Es zeigt ihre Isolation und den Kampf mit der Krankheit, der sich in der wiederholten Aufforderung zur Ruhe äußert. Die Patienten sind in patentierten Liegestühlen oder Betten eingeschränkt, was ihre körperliche und geistige Stagnation symbolisiert. Das Gedicht verdeutlicht die Monotonie und den Mangel an geistiger Anregung im Leben der Patienten. Sie sitzen nur mittags zusammen und essen fettige, süße und reichhaltige Speisen. Das Lachen einer Frau wird als ätherisch und zauberhaft beschrieben, was die Sehnsucht nach Normalität und Freude in ihrem Leben unterstreicht. Die letzten beiden Strophen zeigen die unterschiedlichen Ausgänge der Krankheit. Ein Patient, der sich zum Gehen entschließt, stirbt am nächsten Tag, was die Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit der Krankheit verdeutlicht. Ein anderer Patient wird "gesund", ist aber nun ein "Halbidiot", was die Nebenwirkungen der Behandlung und die Frage nach der Lebensqualität aufwirft. Die Ärzte feiern den "Sieg" über die Krankheit, ohne die geistige Einschränkung des Patienten zu berücksichtigen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- rühlen, ruh'n
- Bildsprache
- dick und rund und rot
- Hyperbel
- fett und süß und zahlreich
- Ironie
- Ärzte wiehern stolz: Halleluja!
- Kontrast
- gesund! (und ward ein Halbidiot...)
- Metapher
- krötig
- Personifikation
- Wut sich wühlen
- Vergleich
- Wie eine Aeolsharfe