Pogrom
Am Sonntag fällt ein kleines Wort im Dom,
Am Montag rollt es wachsend durch die Gasse,
Am Dienstag spricht man schon vom Rassenhasse,
Am Mittwoch rauscht und raschelt es: Pogrom!
Am Donnerstag weiß man es ganz bestimmt:
Die Juden sind an Rußlands Elend schuldig!
Wir waren nur bis dato zu geduldig.
(Worauf man einige Schlucke Wodka nimmt…)
Der Freitag bringt die rituelle Leiche,
Man stößt den Juden Flüche in die Rippen
Mit festen Messern, daß sie rückwärts kippen.
Die Frauen wirft man in diverse Teiche.
Am Samstag liest man in der »guten« Presse:
Die kleine Rauferei sei schon behoben,
Man müsse Gott und die Regierung loben…
(Denn andernfalls kriegt man eins in die Fresse.)
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Pogrom“ von Klabund ist eine eindringliche und erschütternde Darstellung der Eskalation von Hass und Gewalt, die in einem Pogrom gipfelt. Es zeichnet in wenigen, präzisen Bildern den Weg von einer kleinen Äußerung bis zur systematischen Vernichtung von Menschen nach. Die Kürze und die scheinbare Einfachheit der Sprache stehen in starkem Kontrast zu der Brutalität des dargestellten Geschehens und verstärken so dessen Wirkung.
Das Gedicht beginnt mit einem harmlos anmutenden „kleinen Wort“ im Dom am Sonntag. Dieses Wort, dessen Inhalt ungenannt bleibt, ist der Ausgangspunkt einer sich beschleunigenden Spirale aus Hass und Gewalt. Die folgenden Tage, von Montag bis Mittwoch, zeigen eine zunehmende Verbreitung und Verstärkung des Wortes, das sich zu „Rassenhasse“ und schließlich zum Ausruf „Pogrom!“ entwickelt. Die Verwendung des Kalenders als Strukturierungsmittel unterstreicht die Unaufhaltsamkeit und das systematische Vorgehen der Ereignisse.
Die zweite Strophe führt die ersten konkreten Schuldzuweisungen ein. Die Juden werden für das „Elend“ Russlands verantwortlich gemacht, was die Grundlage für die Rechtfertigung der bevorstehenden Gewalt bildet. Die scheinbare „Geduld“ der Menge, die durch den Kommentar über den Wodka-Konsum karikiert wird, zeigt die Gleichgültigkeit und das Zögern, das der Gewaltanwendung vorausgeht. Hier wird die typische Täter-Opfer-Umkehr, die oft in solchen Situationen stattfindet, angedeutet.
Die dritte Strophe beschreibt die konkrete Ausführung des Pogroms am Freitag. Die Sprache wird deutlich drastischer und bildhafter, wenn von „ritueller Leiche“, „Flüchen in die Rippen“ und dem gewaltsamen Tod der Opfer die Rede ist. Die Frauen, die in die Teiche geworfen werden, verdeutlichen die systematische Erniedrigung und Zerstörung. Die letzte Strophe zeigt die zynische Verharmlosung des Geschehens durch die „gute“ Presse am Samstag. Die „Rauferei“ wird als „behoben“ dargestellt, während der tatsächliche Schrecken verschwiegen und die Verantwortlichen verharmlost werden. Die Drohung am Ende (denn andernfalls kriegt man eins in die Fresse“) zeugt von der Atmosphäre der Angst und des Schweigens, die nach einem Pogrom entsteht.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.