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Der verliebte Reisende

Von

1

Da fahr ich still im Wagen,
Du bist so weit von mir,
Wohin er mich mag tragen,
Ich bleibe doch bei dir.

Da fliegen Wälder, Klüfte
Und schöne Täler tief,
Und Lerchen hoch in den Lüften,
Als ob dein Stimme rief′.

Die Sonne lustig scheinet
Weit über das Revier,
Ich bin so froh verweinet
Und singe still in mir.

Vom Berge gehts hinunter,
Das Posthorn schallt im Grund,
Mein Seel wird mir so munter,
Grüß dich aus Herzensgrund.

2

Ich geh durch die dunklen Gassen
Und wandre von Haus zu Haus,
Ich kann mich noch immer nicht fassen,
Sieht alles so trübe aus.

Da gehen viel Männer und Frauen,
Die alle so lustig sehn,
Die fahren und lachen und bauen,
Daß mir die Sinne vergehn.

Oft wenn ich bläuliche Streifen
Seh über die Dächer fliehn,
Sonnenschein draußen schweifen,
Wolken am Himmel ziehn:

Da treten mitten im Scherze
Die Tränen ins Auge mir,
Denn die mich lieben von Herzen
Sind alle so weit von hier.

3

Lied, mit Tränen halb geschrieben,
Dorthin über Berg und Kluft,
Wo die Liebste mein geblieben,
Schwing dich durch die blaue Luft!

Ist sie rot und lustig, sage:
Ich sei krank von Herzensgrund;
Weint sie nachts, sinnt still bei Tage,
Ja, dann sag: ich sei gesund!

Ist vorbei ihr treues Lieben,
Nun, so end auch Lust und Not,
Und zu allen, die mich lieben,
Flieg und sage: ich sei tot!

4

Ach Liebchen, dich ließ ich zurücke,
Mein liebes, herziges Kind,
Da lauern viel Menschen voll Tücke,
Die sind dir so feindlich gesinnt.

Die möchten so gerne zerstören
Auf Erden das schöne Fest,
Ach, könnte das Lieben aufhören,
So mögen sie nehmen den Rest.

Und alle die grünen Orte,
Wo wir gegangen im Wald,
Die sind nun wohl anders geworden,
Da ists nun so still und kalt.

Da sind nun am kalten Himmel
Viel tausend Sterne gestellt,
Es scheint ihr goldnes Gewimmel
Weit übers beschneite Feld.

Mein′ Seele ist so beklommen,
Die Gassen sind leer und tot,
Da hab ich die Laute genommen
Und singe in meiner Not.

Ach, wär ich im stillen Hafen!
Kalte Winde am Fenster gehn,
Schlaf ruhig, mein Liebchen, schlafe,
Treu′ Liebe wird ewig bestehn!

5

Grün war die Weide,
Der Himmel blau,
Wir saßen beide
Auf glänzender Au.

Sinds Nachtigallen
Wieder, was ruft,
Lerchen, die schallen
Aus warmer Luft?

Ich hör die Lieder,
Fern, ohne dich,
Lenz ists wohl wieder,
Doch nicht für mich.

6

Wolken, wälderwärts gegangen,
Wolken, fliegend übers Haus,
Könnt ich an euch fest mich hangen,
Mit euch fliegen weit hinaus!

Tag′lang durch die Wälder schweif ich,
Voll Gedanken sitz ich still,
In die Saiten flüchtig greif ich,
Wieder dann auf einmal still.

Schöne, rührende Geschichten
Fallen ein mir, wo ich steh,
Lustig muß ich schreiben, dichten,
Ist mir selber gleich so weh.

Manches Lied, das ich geschrieben
Wohl vor manchem langen Jahr,
Da die Welt vom treuen Lieben
Schön mir überglänzet war;

Find ichs wieder jetzt voll Bangen:
Werd ich wunderbar gerührt,
Denn so lang ist das vergangen,
Was mich zu dem Lied verführt.

Diese Wolken ziehen weiter,
Alle Vögel sind erweckt,
Und die Gegend glänzet heiter,
Weit und fröhlich aufgedeckt.

Regen flüchtig abwärts gehen,
Scheint die Sonne zwischendrein,
Und dein Haus, dein Garten stehen
Überm Wald im stillen Schein.

Und du harrst nicht mehr mit Schmerzen,
Wo so lang dein Liebster sei –
Und mich tötet noch im Herzen
Dieser Schmerzen Zauberei.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der verliebte Reisende von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der verliebte Reisende“ von Joseph von Eichendorff ist eine melancholische Liebeserklärung, die in sechs Strophen die innere Zerrissenheit eines Fernweh-Geplagten beschreibt, der sich nach seiner Liebsten sehnt. Es ist ein Beispiel der Romantik, in dem die Natur und die Emotionen des lyrischen Ichs eng miteinander verwoben sind. Der Reisende befindet sich auf einer Reise, die ihn von seiner Geliebten trennt, und drückt in verschiedenen Szenen – im Wagen, in der Stadt, im Wald – seine Sehnsucht, seine Hoffnung, seine Verzweiflung und schließlich seine resignierende Traurigkeit aus.

Die ersten drei Strophen zeigen die Entwicklung der Gefühle des Reisenden. In der ersten Strophe, während der Reise, ist die Sehnsucht nach der Geliebten noch von Hoffnung getragen. Die Natur, die Wälder, die Lerchen, scheinen die Stimme der Geliebten widerzuspiegeln, und der Reisende findet Trost in der Natur und in einem stillen Gesang. In der zweiten Strophe wird der Kontrast zur trüben Realität der Trennung deutlich: In den Gassen der Stadt empfindet er die Lebendigkeit der anderen Menschen als schmerzhaft und fühlt sich isoliert. Die dritte Strophe zeigt eine resignierte Verzweiflung. Das Lied wird zur Botschaft, die durch die Natur (Berg und Kluft, blaue Luft) zur Geliebten gelangen soll, mit der indirekten Botschaft über den Zustand des lyrischen Ichs (gesund oder tot), je nach Befinden der Geliebten.

Die vierte Strophe ist ein direkter Appell an die Geliebte, in der der Reisende seine Sorge um ihre Sicherheit und sein Gefühl der Machtlosigkeit ausdrückt. Er sieht die Gefahr durch „tückische“ Menschen, die ihre Liebe zerstören wollen, und wünscht sich, dass diese Feindschaft die Liebenden verschont. Die melancholische Stimmung wird durch Bilder von „kalten“ Himmeln, „beschneiten Feldern“ und dem kalten Abschied vom „stillen Hafen“ noch verstärkt.

Die fünfte Strophe erinnert an glückliche Zeiten, an gemeinsame Stunden auf der Weide, als der Himmel blau war. Der Kontrast zwischen der Erinnerung an die vergangene Liebe und der gegenwärtigen Einsamkeit wird durch die Natur, die zurückkehrt (Nachtigallen, Lerchen, Frühling), verstärkt, die jedoch nun für den Reisenden sinnlos geworden ist. Die letzte Strophe ist eine Art Fazit, in der der Reisende die Trennung verarbeitet. Er lässt die Vergangenheit, die Natur, die Sehnsucht und die Schmerzen Revue passieren. Er scheint sich von dem Wunsch, der Geliebten zu erreichen, verabschiedet zu haben. Der Reisende beobachtet die Wolken und blickt auf das Haus der Liebsten, wo diese wohl nicht mehr auf seine Rückkehr wartet. Der Zauber der Schmerzen tötet ihn im Herzen, der Kreis schließt sich mit dem Eingeständnis des endgültigen Verlusts.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.