Der stille Grund
Der Mondenschein verwirret
die Täler weit und breit,
die Bächlein, wie verirret,
gehn durch die Einsamkeit.
Da drüben sah ich stehen
den Wald auf steiler Höh′,
die finstern Tannen sehen
in einen tiefen See.
Ein Kahn wohl sah ich ragen,
doch niemand, der es lenkt,
das Ruder war zerschlagen,
das Schifflein halb versenkt.
Eine Nixe auf dem Steine
flocht dort ihr goldnes Haar,
sie meint′, sie wär′ alleine,
und sang so wunderbar.
Sie sang und sang, in den Bäumen
und Quellen rauscht′ es sacht
und flüsterte wie in Träumen
die mondbeglänzte Nacht.
Ich aber stand erschrocken,
denn über Wald und Kluft
erklangen Morgenglocken
schon ferne durch die Luft.
Und hätt′ ich nicht vernommen
den Klang zu guter Stund′,
wär′ nimmermehr gekommen
aus diesem stillen Grund.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der stille Grund“ von Joseph von Eichendorff entführt den Leser in eine romantische, fast unwirkliche Landschaft, die von Mondschein, Einsamkeit und einem Gefühl der Verlassenheit geprägt ist. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung einer verzauberten Szenerie, in der der Mondschein Täler und Bächlein in ein verirrtes, unwirkliches Licht taucht. Diese einleitende Stimmung dient als Grundlage für die folgenden Strophen, die die Hauptthemen des Gedichts einführen: die Schönheit, aber auch die Gefährlichkeit der Natur, sowie die Begegnung mit dem Übernatürlichen.
In den folgenden Strophen wird das Bild von einem versunkenen Kahn in einem tiefen See eingeführt, was eine Symbolik der Hoffnungslosigkeit und des Scheiterns darstellt. Der Kahn ohne Ruder und Führer, halb versunken, steht für die Verlorenheit und das Fehlen jeglicher Orientierung in dieser stillen, fast bedrohlichen Umgebung. Gleichzeitig erscheint eine Nixe, die ihr goldenes Haar flicht und einen wunderschönen Gesang anstimmt. Diese Figur verkörpert die Verlockung und die Schönheit, die in der Natur verborgen liegen, aber auch die Gefahr, sich in ihnen zu verlieren. Die Nixe, die im Glauben ist, allein zu sein, singt in einer bezaubernden Weise, die die Atmosphäre weiter verdichtet.
Die Atmosphäre des Gedichts wird durch die Naturgeräusche verstärkt: das Rauschen der Quellen und das Flüstern der mondbeglänzten Nacht. Diese Klänge bilden einen Kontrast zu der Stille und dem Gefühl der Einsamkeit, das durch die Beschreibung der Landschaft und des versunkenen Kahns hervorgerufen wird. Die Kombination aus Schönheit und Gefahr, aus Verzauberung und Verlassenheit erreicht ihren Höhepunkt in der Begegnung mit der Nixe und der damit verbundenen hypnotischen Wirkung ihres Gesangs.
Das Gedicht nimmt jedoch eine Wendung, als der Erzähler erschrocken aufwacht. Durch das Ertönen von Morgenglocken, die aus der Ferne herübertönen, wird die romantische Verzauberung durchbrochen und der Erzähler aus seinem traumartigen Zustand gerissen. Diese Glocken symbolisieren die Erlösung, die Rettung und die Rückkehr zur Realität. Die Schlussstrophe verdeutlicht die zentrale Aussage des Gedichts: Ohne das Aufwachen durch die Glocken, ohne die Warnung, wäre der Erzähler verloren gewesen im „stillen Grund“ – ein Ort, der gleichermaßen fasziniert und gefährlich ist. Das Gedicht ermahnt somit zur Wachsamkeit gegenüber den Verlockungen der Natur und der eigenen Träume, und betont die Notwendigkeit, sich der Realität zu stellen und sich nicht in der Schönheit der Welt zu verlieren.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.