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XXXII. Mir ist geschehen als einem kindelîne

Von

I

Mir ist geschehen als einem kindelîne,
daz sîn schoenez bilde in einem glase gesach
unde greif dar nâch sîn selbes schîne
sô vil, biz daz ez den spiegel gar zerbrach.
Dô wart al sîn wunne ein leitlich ungemach.
alsô dâhte ich iemer vrô ze sîne,
dô ich gesach die lieben vrouwen mîne,
von der mir bî liebe leides vil geschach.

II

Minne, diu der werelde ir vröude mêret,
seht, diu brâhte in troumes wîs die vrouwen mîn,
dâ mîn lîp an slâfen was gekêret
und ersach sich an der besten wunne sîn.
Dô sach ich ir liehten tugende, ir werden schîn,
schoen unde ouch vür alle wîp gehêret,
niuwen daz ein lützel was versêret
ir vil vröuden rîchez rôtez mündelîn.

III

Grôz angest hân ich des gewunnen,
daz verblîchen süle ir mündelîn sô rôt.
des hân ich nu niuwer klage begunnen,
sît mîn herze sich ze sülher swaere bôt,
Daz ich durch mîn ouge schouwe sülhe nôt
sam ein kint, daz wîsheit unversunnen
sînen schaten ersach in einem brunnen
und den minnen muoz unz an sînen tôt.

IV

Hôher wîp von tugenden und von sinnen
die enkan der himel niender ummevân
sô die guoten, die ich vor ungewinne
vremden muoz und immer doch an ir bestân.
Owê leider, jô wânde ichs ein ende hân
ir vil wunnenclîchen werden minne.
nû bin ich vil kûme an dem beginne.
des ist hin mîn wunne und ouch mîn gerender wân.

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Gedicht: XXXII. Mir ist geschehen als einem kindelîne von Heinrich von Morungen

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „XXXII. Mir ist geschehen als einem kindelîne“ von Heinrich von Morungen ist eine elegische Reflexion über unerfüllte Liebe und die damit verbundene Qual. Es verwendet einen Vergleich aus der Kindheit, um die Unfähigkeit des lyrischen Ichs zu beschreiben, die geliebte Frau zu erlangen oder festzuhalten. Der erste Teil des Gedichts erinnert an ein Kind, das sein eigenes Spiegelbild ergreifen will und dabei den Spiegel zerbricht, was zu Trauer und Unbehagen führt.

In der zweiten Strophe wird die geliebte Frau in einer Traumvision dargestellt, wodurch die Sehnsucht nach ihr noch verstärkt wird. Das lyrische Ich sieht ihre Schönheit und Tugenden, bemerkt aber auch eine kleine „Wunde“ an ihren Lippen, was bereits einen Hinweis auf die Vergänglichkeit des Glücks oder die Unvollkommenheit der Liebe gibt. Die dritte Strophe verstärkt die Klage, indem die Angst ausgedrückt wird, dass die rote Farbe der Lippen der Geliebten verblassen könnte, was die Sorge um den Verlust der Schönheit und möglicherweise der Liebe widerspiegelt. Das lyrische Ich fühlt sich wie ein Kind, das seinen eigenen Schatten im Brunnen sieht und ihm hilflos verfallen ist.

Die vierte Strophe zeigt die Verzweiflung des lyrischen Ichs über die Unerreichbarkeit der Geliebten. Er erkennt, dass es keine Möglichkeit gibt, die Frau, die durch ihre Tugenden und ihren Verstand ausgezeichnet ist, zu besitzen. Er muss die Frau verlassen, doch gleichzeitig kann er sie nicht vergessen. Er hoffte auf ein Ende des Leidens, doch stattdessen findet er sich erst am Anfang eines neuen, noch qualvolleren Zustands wieder. Sein Glück und sein Hoffen sind dahin.

Das Gedicht ist geprägt von der Minnedichtung des Mittelalters, wobei das lyrische Ich die Sehnsucht, die unerwiderte Liebe und das daraus resultierende Leid zum Ausdruck bringt. Die verwendeten Bilder, wie das Kind und der Spiegel, die Traumvision und die Schönheit der geliebten Frau, sind typische Elemente dieser Epoche. Die Sprache ist elegant und bildhaft, und die Strophenstruktur mit ihren Reimen verstärkt den musikalischen Charakter des Gedichts, wodurch die emotionale Tiefe der Verse noch betont wird.

Insgesamt ist das Gedicht eine ergreifende Darstellung der Schmerzen der unerfüllten Liebe, der vergeblichen Suche nach Glück und der Erkenntnis, dass die wahre Liebe manchmal unerreichbar bleibt. Es ist ein Zeugnis der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und der unerbittlichen Macht des Leids, das daraus entstehen kann.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.