O göttliche Benommenheit
Verstreute Menschen gehen
Im feuchten Regenwehen,
Vorstadtgärten rauschen,
Wolken sinken, bauschen
Sich. Ein Karren rollt am Zaune hin –
Ich kann nicht anders: ich muß sehen, muß lauschen,
Ich weiß nicht, wie ich bin
In diesem Allen –
Mein Gott, du flutest mit dem Wehen in mein Ohr,
Du lachst im Trällern der Kinder da am Gartentor –
Du willst dies Leben: diese Bilder, dieses Rauschen
In mich für meine Seele tauschen!
So ström′ ich mit dem Orgeln dieser Landschaft hin –
So kann ich nicht anders: ich muß mich berauschen,
Daß ich nicht weiß, wie ich bin
In diesem Allen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „O göttliche Benommenheit“ von Gerrit Engelke fängt eine tiefgründige innere Erfahrung ein, die durch die Beobachtung der äußeren Welt ausgelöst wird. Der Autor beginnt mit einer Beschreibung der äußeren Umgebung – „Verstreute Menschen“, „feuchter Regen“, „Vorstadtgärten“ – wodurch ein Gefühl der Alltäglichkeit und der Verbundenheit mit dem Weltlichen entsteht. Diese banale Szene bildet den Ausgangspunkt für die anschließende, intensive Auseinandersetzung des lyrischen Ichs mit seiner eigenen Existenz. Die Beschreibung der Umgebung dient als Spiegel für die innere Verfassung des Sprechers, der sich in der Szenerie wiederfindet und von ihr erfasst wird.
Der zweite Teil des Gedichts ist durch eine unmittelbare Ansprache an eine göttliche Instanz gekennzeichnet. „Mein Gott, du flutest mit dem Wehen in mein Ohr“ verdeutlicht eine tiefe Verbundenheit mit etwas Transzendentem, das in den natürlichen Phänomenen der Umgebung präsent ist. Der „Regenwehen“ und das „Trällern der Kinder“ werden zu Ausdrucksformen einer göttlichen Präsenz, die das lyrische Ich in Staunen und Ergriffenheit versetzt. Diese Form der religiösen Erfahrung manifestiert sich in der Hingabe an die Schönheit der Welt, die als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden wird.
Die zentrale Aussage des Gedichts wird durch das wiederholte Eingeständnis „Ich kann nicht anders: ich muß sehen, muß lauschen“ und „Ich muß mich berauschen“ verstärkt. Dies drückt die Unfähigkeit des lyrischen Ichs aus, sich dem Einfluss der äußeren Welt und der darin verborgenen göttlichen Präsenz zu entziehen. Die Formulierung deutet auf ein Gefühl der Selbstvergessenheit und des Zustands der „Benommenheit“ hin, der den Titel des Gedichts prägt. Das lyrische Ich erfährt eine Auflösung seiner eigenen Identität im Einklang mit der Natur und dem Göttlichen.
Das Gedicht gipfelt in dem Ausruf „Daß ich nicht weiß, wie ich bin / In diesem Allen“. Diese Zeilen bilden den Höhepunkt der Erfahrung, die durch die anfängliche Beschreibung der Umgebung ausgelöst wurde. Die Unfähigkeit, sich selbst zu verorten, die Auflösung des Ichs in der Gesamtheit der Welt, zeigt ein Gefühl der Einheit und der Verbundenheit. Engelke beschreibt hier eine Form der Mystik, in der die Grenzen zwischen Individuum und Welt, zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen verschwimmen. Es ist ein Gedicht über die Schönheit des Lebens, die Suche nach Sinn und die Erfahrung der Einheit mit der Welt und der göttlichen Präsenz.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.