Fenster schließen, glimmern stille,
Häuslein rücken Dach an Dach
Himmel stehen feiernd stille,
Mond wird Silberfrucht und wach.
Müder Leib schläft in der Stille,
Herz schlägt alle Stunden nach,
Lebt für sich durch Schlaf und Stille –
Wohin denn? wozu? aus wessen Wille?
Lautlos, langsam fallen Wand und Dach.
Dorfabend
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Dorfabend“ von Gerrit Engelke beschreibt eine Szene des Innehaltens und der kontemplativen Betrachtung der Vergänglichkeit. Es fängt die Atmosphäre eines Dorfabends ein, in dem die äußere Stille und die innere Unruhe des lyrischen Ichs einander spiegeln. Die ersten vier Zeilen beschreiben das Anbrechen der Nacht, das Schließen der Fenster, das Zusammenrücken der Häuser und das Aufgehen des Mondes. Diese äußeren Bilder schaffen eine Atmosphäre der Ruhe und Beschaulichkeit, die jedoch durch die folgenden Verse unterbrochen wird.
Die zweite Strophe fokussiert auf das Innenleben des lyrischen Ichs. Der müde Leib schläft, während das Herz „alle Stunden nach“ schlägt. Dies deutet auf eine Sehnsucht oder eine innere Unruhe hin, die trotz der äußeren Stille nicht zur Ruhe kommt. Das Herz „lebt für sich durch Schlaf und Stille“, was die Isolation des Ichs unterstreicht, gefangen zwischen den Polen des Schlafs und der Stille. Die Frage „Wohin denn? wozu? aus wessen Wille?“ drückt die Suche nach Sinn und Bestimmung aus und wirft Fragen nach dem eigenen Dasein und der Richtung des Lebens auf.
Die letzten beiden Zeilen bilden den Höhepunkt des Gedichts. Hier vollzieht sich eine Art Auflösung, ein Verschwinden der äußeren Welt. „Lautlos, langsam fallen Wand und Dach.“ Diese Zeilen können als Metapher für den Zerfall der gewohnten Ordnung und des eigenen Selbst verstanden werden. Der Begriff des „Fallens“ deutet auf ein Nachgeben, ein Loslassen hin, ein Auflösen der physischen und emotionalen Grenzen. Der Mond, der zu Beginn beschrieben wird, scheint keine Stütze mehr zu sein, da die äußeren und inneren Grenzen zu verschwimmen beginnen.
Insgesamt ist „Dorfabend“ ein melancholisches Gedicht, das die Vergänglichkeit des Lebens und die Sinnsuche thematisiert. Es fängt die Ambivalenz zwischen der äußeren Ruhe und der inneren Unruhe ein und stellt Fragen nach dem Woher und Wohin des menschlichen Daseins. Die Verwendung von einfachen Bildern und einer klaren, prägnanten Sprache verstärkt die Wirkung des Gedichts und macht es zu einer tiefgründigen Betrachtung der menschlichen Existenz. Die Frage am Ende hallt nach, und lässt den Leser in die stille Nachdenklichkeit des lyrischen Ichs eintauchen.
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Lizenz und Verwendung
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