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Der Zwerg

Von

Hang an Hang, und Hang an Feld und Felder,
Strauch an Baum, und Wald an Wälder,
Tal an Berg und Tal an Berg:
Erden-Weite-Breite rundherüberall:

Und der Mensch, der Zwerg:

Tappt verschüchtert,
Geht ernüchtert,
Stolzt voll Dünkel hier und dort,
Schürft sich Lehm und backt sich Ziegel,

Häuft aus Mauern, Dächern seinen Ort.
Schließt mit Schloß und Riegel
Sorgevoll sein Haus,
Klopft und bohrt darin herum –
Dünkt sich klug und andre dumm –
Geht kaum aus der Straße raus – –

Draußen reiht sich Feld an Feld:
Draußen weitet sich die Welt:
Ungeheure Runde!

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Gedicht: Der Zwerg von Gerrit Engelke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Zwerg“ von Gerrit Engelke zeichnet ein beklemmendes Bild der menschlichen Existenz, indem es die Diskrepanz zwischen der unendlichen Weite der Natur und der begrenzten, selbstgeschaffenen Welt des Menschen, des „Zwergs“, herausarbeitet. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der überwältigenden, unaufhaltsamen Ausdehnung der Landschaft, die durch die aneinandergereihten Natur-Elemente visualisiert wird: „Hang an Hang…“. Diese Aufzählung erzeugt einen Eindruck von Fülle, Unbegrenztheit und erdrückender Größe. Im Gegensatz dazu wird der Mensch, der „Zwerg“, als ein winziges, eingeschränktes Wesen dargestellt.

Der zweite Teil des Gedichts widmet sich der Beschreibung des Menschen in seinem selbst geschaffenen Umfeld. Seine Handlungen werden durch Worte wie „verschüchtert“, „ernüchtert“ und „dünkelhaft“ charakterisiert, was auf eine eingeschränkte Wahrnehmung und ein begrenztes Selbstverständnis hindeutet. Der „Zwerg“ ist mit dem Bau und der Absicherung seines kleinen Reiches beschäftigt: Er baut, schließt, bohrt und schützt sich vor der Welt, anstatt sich ihr zu öffnen. Seine „Klugheit“ und die damit verbundene Geringschätzung der anderen unterstreichen seine Engstirnigkeit und sein mangelndes Verständnis für die wahre Größe der Welt.

Die Metapher des „Zwergs“ ist hier besonders wirkungsvoll. Sie steht für die Beschränktheit und Kleinheit des Menschen angesichts der unendlichen Natur. Der Mensch, gefangen in seiner selbst geschaffenen Welt, verpasst die Schönheit und Weite, die ihn umgeben. Die wiederholte Nennung von „Draußen“ am Ende des Gedichts, verbunden mit der Beschreibung der „ungeheuren Runde“ der Welt, unterstreicht die Tragik dieser Begrenzung. Der Zwerg bleibt in seiner kleinen, künstlichen Welt gefangen, unfähig, die wahre Größe und Schönheit des Lebens zu erfassen.

Engelke verwendet eine einfache, direkte Sprache, die den Inhalt des Gedichts verstärkt. Die rhythmische Struktur, insbesondere die wiederholten Begriffe und die Verwendung von Reimen, erzeugt einen Sog, der die Gegensätze zwischen der unendlichen Weite der Natur und der begrenzten Existenz des Menschen verdeutlicht. Das Gedicht ist eine Kritik an der menschlichen Selbstbeschränkung und ein Appell, die eigene Perspektive zu erweitern, um die wahre Größe und Schönheit der Welt zu erkennen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.