Du Weib bist Schale nur und Spiegel
Der Taten, die mein Hirn erzeugt,
Denn nur durch meines Kopfes Tiegel
Das All nach Immer-Formung keucht.
Ich bin der Mann, ich bin der Wille,
Und du bist Weib und bist die Stille –
Du bist die Ader, bist die Stirn,
Doch ich bin Blut und heißes Hirn,
Ich bin der Keim in deinem Schoß:
Ich sprenge ihn ganz mitleidlos.
Doch:
Bin ich auch Schrei und du nur Kehle,
Bin ich Orkan und du nur Ruh:
So bist du Leib doch meiner Seele:
Und Mensch bin ich und Mensch bist du!
Und nur als Eins sind wir Vollendung:
So wächst in unserm Einen Schoß
Mein Schöpferdrang in Taten groß:
Und du bist Werk und Alles-Endung.
Der Mann spricht
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Mann spricht“ von Gerrit Engelke ist eine Auseinandersetzung mit den traditionellen Geschlechterrollen, die aus der Perspektive eines Mannes geführt wird. Der Mann definiert sich als treibende Kraft, als Urheber von Taten und Ideen, die durch das „Weib“ – die Frau – nur widergespiegelt werden. Die Frau wird als „Schale“ und „Spiegel“ dargestellt, als passive Empfängerin, deren Funktion darin besteht, die vom Mann geschaffenen Ergebnisse widerzuspiegeln. In den ersten Strophen wird ein hierarchisches Verhältnis etabliert, in dem der Mann als „Wille“, „Blut“ und „heißes Hirn“ die aktive Rolle einnimmt, während die Frau als „Stille“ und „Ader“ nur eine ergänzende, dienende Funktion hat. Die Metaphern betonen die vermeintliche Überlegenheit des Mannes in Bezug auf Kreativität und Tatkraft.
Die zweite Hälfte des Gedichts vollzieht jedoch einen überraschenden Wandel. Obwohl der Mann weiterhin seine dominierende Rolle betont, ändert sich die Beziehung zur Frau. Der Mann gesteht nun ein, dass die Frau, obwohl sie lediglich „Kehle“ und „Ruh“ (Ruhe) ist, den „Leib“ seiner Seele darstellt. Diese Aussage deutet auf ein tieferes Verständnis der Notwendigkeit der Einheit und des Zusammenspiels von Mann und Frau hin. Der Orkan des Mannes braucht die Ruhe der Frau, um sich vollends zu entfalten. Der Mann erkennt, dass er die Frau für seine eigene Vollständigkeit benötigt, und dass nur als „Eins“ – also als vereintes Paar – die „Vollendung“ erreicht werden kann.
Die zentrale Botschaft des Gedichts liegt in der Synthese von Gegensätzen. Engelke zeigt, dass die scheinbare Dominanz des Mannes und die vermeintliche Passivität der Frau keine absolute Wahrheit darstellen. Vielmehr verdeutlicht er die gegenseitige Abhängigkeit und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Der „Schöpferdrang“ des Mannes, seine Kreativität und Tatkraft, kann nur in dem vereinten „Schoß“ von Mann und Frau zur vollen Entfaltung gelangen. Die Frau wird somit nicht nur als „Werk“, sondern auch als „Alles-Endung“ dargestellt, was ihren entscheidenden Einfluss auf den kreativen Prozess und die Erschaffung von etwas Neuem unterstreicht.
Die Sprache des Gedichts ist von einer starken, manchmal pathetischen Ausdrucksweise geprägt. Die Verwendung von Metaphern und Vergleichen wie „Blut und heißes Hirn“ oder „Orkan und du nur Ruh“ verleiht dem Gedicht eine gewisse Dramatik und unterstreicht die emotionalen Implikationen der Geschlechterbeziehungen. Engelke nutzt diese bildhafte Sprache, um die komplexen Gefühle und Überzeugungen des Mannes auszudrücken, wobei er sowohl die vermeintliche Überlegenheit als auch die Abhängigkeit von der Frau beleuchtet. Das Gedicht stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen dar und regt zum Nachdenken über die Bedeutung von Partnerschaft und Einheit an.
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