Der Briefbeutel

Gerrit Engelke

1921

Träge schwimmt die Straße in den Abend. Radfahrer klingeln, Ein Droschkengaul prustet trabend, Straßenlang übergießen, umzingeln Lichter die Abendgänger. Die Straße tönt weicher und bänger.

Drüben am Hause klappt ein Postradfahrer Den Briefkasten zu. Wirft den Beutel mit Feierabendruh Auf sein Rad –

Mensch! Du! Du! Du Schicksalsbewahrer! Du Weltbote der Stadt! Siehst du nicht wie der Beutel schwillt, Wie er quillt, wie er quillt? Ein Brandbrief lodert in ihm auf, Ein Liebesbrief schreit rot und geil, Ein Händler ladet ein zum Kauf, Ein Schuft hält seine Ehfrau feil, Ein Erpresser der Schwarzhand droht, Einer schließt ab auf tausend Stück Brot, Einer knüpft sich um den Hals ein Seil, Ein Neugeborener kräht und strampelt, krebsrot, Eine Mutter, eine Mutter ist tot – Ich kann dies Wirbeln nicht fassen, – Und Du, du trödelst da so gelassen! Mensch! du bringst in alle Türen Freudeschüren Oder todschweren Sinn! Um dich herum gärt Geld- und Leiberkampf, Um dich stürzt alles Schicksal hin!

Klingelnd radelt der Bote stadthin, In dem Straßendampf –

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Illustration zu Der Briefbeutel

Interpretation

Das Gedicht "Der Briefbeutel" von Gerrit Engelke beschreibt die Straße am Abend, die von Radfahrern und einer Droschke belebt wird. Die Lichter umgeben die Abendgänger, während die Straße weicher und banger klingt. Am Haus schließt ein Postradfahrer den Briefkasten und wirft den Beutel mit Feierabendruh auf sein Rad. Der Sprecher wendet sich direkt an den Postboten und bezeichnet ihn als Schicksalsbewahrer und Weltbote der Stadt. Er ruft ihm zu, dass er nicht sieht, wie der Briefbeutel anschwillt und quillt. In dem Beutel befinden sich verschiedene Briefe, die unterschiedliche Emotionen und Schicksale enthalten: ein Brandbrief, ein Liebesbrief, ein Kaufangebot, ein Brief, der eine Frau zum Verkauf anbietet, eine Erpressung, ein Vertrag über tausend Stück Brot, ein Selbstmordbrief, ein Neugeborener und der Tod einer Mutter. Der Sprecher kann das Wirbeln und Treiben nicht fassen und ist erstaunt über die Gelassenheit des Boten. Der Postbote bringt Freude oder schwere Gedanken in alle Häuser. Um ihn herum gärt der Kampf um Geld und Körper, und das Schicksal stürzt sich auf ihn. Der Bote radelt klingelnd stadteinwärts durch den Straßendampf.

Schlüsselwörter

straße beutel mensch quillt mutter träge schwimmt abend

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Stilmittel

Metapher
Todschweren Sinn
Personifikation
Um dich stürzt alles Schicksal hin