Die Puppen laden hölzerne Geschütze.
Schon sinkt
Im Korktod
Dummer August blaß.
Geschminkte Hände halten
Säbelblech.
Der Wangen rote Tulpen
Blühen faul.
Die Augen (sanfte Augen der Natur)
Entgleiten maulwurfunterwürfig in den dunklen
Erdbraunen Nachtgott.
Ihn ersah
Zum Ziel sich die bedeutende Strategin,
Die Liebe, die durch tausend Reifen sprang,
Auf Pferdchen äffchensamt geritten,
Den Himmel der Manege spaltete.
Vom Turmseil schwirrte
Der entthronte Künstler.
Der Kopf
Fraß blutend Sägespäne.
Und die Hände (die schönen Hände, die den Balancierstock schwangen,
den silbernen, mit Löwenkopf gezierten),
Sie riefen Hilfe im Ertrinken,
Versinken unterm Sand.
Das Publikum
Schoß Beifall aus kanonengleichen Mäulern.
Zirkus
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Zirkus“ von Klabund zeichnet ein düsteres Bild der Zirkuswelt, in der die Illusion von Schönheit und Kunstfertigkeit durch Gewalt, Verfall und letztendlich den Tod ersetzt wird. Es ist eine Kritik an der Oberflächlichkeit und dem falschen Glanz, der hinter der Fassade der Unterhaltung verborgen liegt. Die Struktur des Gedichts ist fragmentarisch und assoziativ, was die Zerrissenheit und den Zerfall der dargestellten Welt widerspiegelt.
Klabund nutzt eine Reihe von Symbolen und Metaphern, um die Tragik des Zirkuslebens zu verdeutlichen. Die „hölzernen Geschütze“ und das „Säbelblech“ deuten auf Gewalt und Zerstörung hin, während der „dumme August“ als Sinnbild für das Scheitern und den Tod dient. Die „geschminkten Hände“ und die „roten Tulpen“ der Wangen, die „faul“ blühen, weisen auf die Vergänglichkeit und den künstlichen Charakter der Zirkuswelt hin. Die „sanften Augen der Natur“, die „entgleiten“, und die Metapher des „maulwurfunterwürfigen“ Versinkens im „dunklen erdbraunen Nachtgott“ deuten auf eine Sehnsucht nach Natürlichkeit und Freiheit hin, die in der Zirkuswelt jedoch erstickt wird.
Die „bedeutende Strategin“, die Liebe, wird in ihrer zerstörerischen Kraft dargestellt, indem sie die Künstlerin durch die Manege reiten und den Himmel spalten lässt. Die Szene des vom Turmseil „entthronten Künstlers“, dessen Kopf Sägespäne „fraß“, ist besonders grausam und symbolisiert das Scheitern des künstlerischen Ideals. Die „schönen Hände“, die nach Hilfe rufen und im Sand versinken, verdeutlichen das tragische Ende des Künstlers und die Hoffnungslosigkeit des Kampfes gegen die Zirkuswelt.
Das Publikum, das „Beifall aus kanonengleichen Mäulern“ schießt, wird als kaltherzig und unbeteiligt dargestellt, was die Entfremdung und die Leere der Zirkuswelt zusätzlich unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem zynischen Bild, in dem die Anerkennung des Publikums im Widerspruch zum Tod der Künstler steht. Insgesamt ist „Zirkus“ eine eindringliche und beklemmende Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Unterhaltungswelt und der menschlichen Existenz.
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