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XXI. Ob ich dir vor allen wîben

Von

I

Ob ich dir vor allen wîben guotes gan,
sol ich des engelten, vrouwe, wider dich,
stê daz dîner güete saeliclîchen an,
sô lâz iemer in den ungenâden mich.
Hab ich dar an missetân, die schulde rich,
daz ich lieber liep zer werlte nie gewan:
nâch der liebe sent ie mîn herze sich.

II

Ob ich iemer âne hôchgemüete bin,
waz ist ieman in der werlte deste baz?
gênt mir mîne tage mit ungemüete hin,
die nâch vröiden ringent, den gewirret daz.
Jâ, wirt daz ir ungewin, der valschen haz.
die verkêrent underwîlent mir den sin:
nieman solde nîden, ern wiste waz!

III

Vrowe, ob dû mir niht die werlt erleiden wil,
sô rât unde hilf, mir ist ze lange wê,
sît si jehent, ez sî niht ein kinde spil,
dem ein wîp sô nâhen an sîn herze gê.
Ich erkande mâze vil der sorgen ê,
disiu sorge gêt mir vür der mâze zil:
hiute baz und aber danne über morgen wê.

IV

Ich habe ir vil grôzer dinge her verjehen,
herzeclîcher minne und ganzer staetekeit.
des half mir diu rehte herzeliebe spehen.
wol mich, hab ich al der werlte wâr geseit.
Habe ich dar an missesehen, dâst mir leit.
mir mac elliu saelde noch von ir geschehen:
in weiz niht, waz schoener lîp in herzen treit.

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Gedicht: XXI. Ob ich dir vor allen wîben von Heinrich von Morungen

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „XXI. Ob ich dir vor allen wîben“ von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die traditionellen Themen der höfischen Liebe aufgreift und sie in einem komplexen Spiel aus Hoffnung, Zweifel und Hingabe auslotet. Der Autor, der sich selbst als Liebender präsentiert, wendet sich in erster Linie an seine geliebte „vrouwe“ und drückt seine tiefe Zuneigung aus. Die einzelnen Strophen (hier als „I“, „II“, „III“, „IV“ bezeichnet) behandeln unterschiedliche Aspekte dieser Beziehung und zeugen von der Zerrissenheit des Sprechers zwischen der Freude an der Liebe und den Ängsten, die mit ihr verbunden sind.

Die erste Strophe beginnt mit einem Treuebekenntnis, in dem der Sprecher seine uneingeschränkte Liebe und sein Versprechen der ewigen Treue zum Ausdruck bringt. Er erklärt, dass er nichts anderes als ihre Gunst ersehnt und dass er lieber unter ihrer Ungnade als ohne ihre Liebe leben würde. Diese bedingungslose Hingabe ist ein zentrales Element der höfischen Liebe. Die zweite Strophe ist von dem Zwiespalt geprägt, in dem sich der Minnesänger befindet. Er reflektiert über seinen Gemütszustand und seine Sorge, die ihn angesichts der höfischen Gesellschaft plagt, die ihm nicht wohlgesonnen ist. Die Strophe verdeutlicht, wie sehr die Liebe in dieser Zeit auch von äußeren Einflüssen abhängig war und wie sehr der Minnesänger darum bemüht war, die öffentliche Meinung nicht zu verletzen.

In der dritten Strophe offenbart der Sprecher seine Verzweiflung und bittet seine Geliebte um Hilfe und Trost. Er klagt über das lange Leid, das er erleidet, und bezieht sich auf das Gerede der Welt, die seine Liebe als Spiel der Kinder abtut. Diese Strophe zeigt die Last, die der Liebende zu tragen hat, wenn seine Liebe von der Gesellschaft missbilligt wird. Die vierte Strophe bildet einen Höhepunkt der Hingabe. Hier bekräftigt der Sprecher seine tiefe Liebe und sein Versprechen, sich seiner Geliebten uneingeschränkt hinzugeben. Er hat ihr bereits große Dinge versprochen und gibt zu verstehen, dass er alle seine Werte für sie aufgibt.

Insgesamt zeigt das Gedicht ein vielschichtiges Bild der höfischen Liebe, in der Hingabe, Zweifel, Hoffnung und Verzweiflung eng miteinander verwoben sind. Morungens Werk zeichnet sich durch die Verwendung von Reimschemata und die klare Strukturierung der einzelnen Strophen aus. Die wechselnden Emotionen des Sprechers, seine Treuebekenntnisse, seine Zweifel und seine Ängste, werden in einer ausdrucksstarken Sprache vermittelt, die die Komplexität der Liebe in dieser Zeit widerspiegelt. Das Gedicht ist ein eindrucksvolles Zeugnis der höfischen Liebe, die von tiefer Zuneigung und dem gleichzeitigen Bewusstsein der damit verbundenen Schwierigkeiten geprägt ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.