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Wenn es stürmet auf den Wogen…

Von

Wenn es stürmet auf den Wogen,
Sitzt die Schifferin zu Haus,
Doch ihr Herz ist hingezogen
Auf die weite See hinaus,

Bei jeder Welle, die brandet
Schäumend an Ufers Rand,
Denkt sie, er strandet, er strandet, er strandet,
Er kehret mir nimmer zum Land.

Bei des Donners wildem Toben
Sitzt die Schäferin zu Haus,
Doch ihr Herz, das schwebet oben
In des Wetters wildem Saus.

Bei jedem Strahle, der klirrte
Schmetternd durch Donners Groll,
Denkt sie, mein Hirte, mein Hirte, mein Hirte
Mir nimmermehr kehren soll.

Wenn es in dem Abgrund bebet,
Sitzt des Bergmanns Weib zu Haus,
Doch ihr treues Herz, das schwebet
In des Schachtes dunklem Graus.

Bei jedem Stoße, der rüttet
Hallend im dunkelem Schacht,
Denkt sie, verschüttet, verschüttet, verschüttet
Ist mein Knapp in der Erde Nacht.

Wenn die Feldschlacht tost und klirret,
Sitzt des Kriegers Weib zu Haus,
Doch ihr banges Herz, das irret
In des Kampfes wilden Strauß.

Bei jedem Knall, jedem Hallen
Der Stücke an Bergeswand
Denkt sie gefallen, gefallen, gefallen
Ist mein Held nun fürs Vaterland.

Aber fern schon über die Berge,
Zogen die Wetter, der Donner verhallt,
Horch wie die jubelnde, trunkene Lerche,
Tireli, Tireli, siegreich erschallt.

Raben zieht weiter!
Himmel wird heiter,
Dringe mir, dringe mir,
Sonne hervor!

Jubelnde Lerche,
Über die Berge,
Singe mir, singe mir,
Wonne ins Ohr.

Mit Zipreß und Lorbeer kränzet
Sieg das freudig ernste Haupt,
Herr! wenn er mir niederglänzet
Mit dem Trauergrün umlaubt!

Dann sternlose Nacht sei willkommen,
Der Herr hat gegeben den Stern,
Der Herr hat genommen, genommen, genommen,
Gelobt sei der Wille des Herrn!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Wenn es stürmet auf den Wogen... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Wenn es stürmet auf den Wogen…“ von Clemens Brentano ist eine bewegende Meditation über die Angst und Hoffnung der Zurückgebliebenen, während ihre Lieben den Gefahren der Elemente und des Krieges ausgesetzt sind. Es bedient sich einer wiederkehrenden Struktur und reimender Strophen, um die inneren Kämpfe der Frauen darzustellen, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Männer warten. Jede der vier ersten Strophen beschreibt eine andere Frau – eine Schifferin, eine Schäferin, die Frau eines Bergmanns und die Frau eines Kriegers – und ihre Furcht vor dem schlimmsten Ausgang.

Die wiederholten Zeilen „Denkt sie, er strandet, er strandet, er strandet…“ und ähnliche Formulierungen betonen die allgegenwärtige Sorge und das Gefühl der Machtlosigkeit, die diese Frauen empfinden. Die Naturereignisse wie Sturm, Donner und Erdbeben spiegeln dabei die Ängste der Frauen wider und verstärken das Gefühl der Gefahr. Brentano nutzt die Metaphern von Wasser, Erde und Krieg, um die verschiedenen Arten von Gefahren zu repräsentieren, denen die Männer ausgesetzt sind, und die emotionale Belastung, die dies für die Frauen mit sich bringt.

Der zweite Teil des Gedichts, beginnend mit der Lerche, stellt einen Hoffnungsschimmer dar. Nach dem Abklingen des Sturms und des Krieges bricht die Freude durch. Die jubelnde Lerche verkündet das Ende der Gefahr, der Himmel klärt sich auf. Die Natur, die zuvor die Ängste gespiegelt hat, wird nun zum Symbol der Erlösung. Der Wechsel von Angst und Verzweiflung zu Hoffnung und Trost zeigt die Wandlungsfähigkeit des menschlichen Geistes und die Fähigkeit, trotz der widrigsten Umstände Trost zu finden.

Die letzten Strophen offenbaren jedoch eine tiefere spirituelle Dimension. Brentano nimmt das Thema der Akzeptanz und des Glaubens an Gottes Willen auf. Auch wenn der Tod eingetreten ist, wird der Verlust als Teil des göttlichen Plans akzeptiert. Die Zeile „Der Herr hat gegeben den Stern, / Der Herr hat genommen, genommen, genommen, / Gelobt sei der Wille des Herrn!“ drückt ein tiefes Vertrauen in das Schicksal und die Unvermeidlichkeit des Todes aus. Das Gedicht findet seinen Abschluss in einer Akzeptanz der Verluste und einer Hingabe an den Glauben.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.