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Unter des lebenden…

Von

Unter des lebenden
Grünenden Tempels
Flüsternde Hallen
Komme ich irrend.

Wie sich die Eiche
Himmelwärts türmet
Wie in dem Gipfel
Ruhet des Mächtigen
Jupiters Fuß.

Und in dem Herzen
Fühl ich die Nähe
Heiliger Wesen,
Die durch die Zweige
Zu dem Olympos
Wandeln empor.

Führt mich ihr friedlichen
Geister des Haines,
Die mich umschweben
Lachend und rufend,
Führt mich zurück.

Irrende, flüchtige,
Tönende Geister,
Die ihr mit schäkernden
Lispelnden Worten
Irr mich geführt.

Hier wo in mondlichen
Nächten ihr rauschet,
Und um die wohnsame
Herrliche Eiche
Tanzend euch schwingt.

Wo ich im Taue
Freudigen Grases
Von euren flüchtigen
Goldenen Sohlen
Ehre die Spur. –

Hört mich ihr freundlichen,
Die ihr verlorene
Götter gepfleget,
Die ihr die fliehende
Daphne umarmt.

Frohe, geheime,
Lindernde Geister,
Die in des Waldes
Rührigen Schauer
Weben den Trost.

Mächtige, lebende,
Stärkende Geister,
Die in der Stämme
Alter und Jugend
Bilden die Kraft.

Wenn ich je frevlend
Eure geheiligten
Stämme verletzet,
O! so verdorre
Welkend die Hand.

Nimmer auch höhnt ich
Echo die Jungfrau,
Die mit euch wohnet,
Teilt ihr vertraulich
Liebe und Schmerz.

Führet mich heimwärts!
Bin nur ein Wandrer,
Bin kein Unsterblicher,
Der mit ambrosischen
Bissen sich nährt.

Wisset mich hungert,
Führet mich heimwärts,
Daß ich dem Freunde
Von der Dryaden
Hülfreicher Güte
Bringe die Mär.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Unter des lebenden... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Unter des lebenden…“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Hymne an die Natur und die sie bewohnenden Geister. Es beschreibt eine Reise durch einen grünen Tempel, eine Metapher für den Wald, in dem der Dichter die Anwesenheit von heiligen Wesen spürt und mit ihnen in Dialog tritt. Das Gedicht ist von einer Sehnsucht nach Verbindung mit der Natur und dem Göttlichen geprägt, wobei der Dichter sich als ein sterblicher Wanderer darstellt, der nach Trost und Führung sucht.

In den ersten Strophen wird die Atmosphäre des Waldes beschrieben: flüsternde Hallen, der Himmel erreichende Eichen und die Nähe heiliger Wesen. Diese Wesen, die Geister des Hains, werden als freundlich und einladend dargestellt, aber auch als diejenigen, die den Dichter irregeführt haben. Der Kontrast zwischen der Schönheit der Natur und der Verwirrung des lyrischen Ichs deutet auf die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Natur hin: Einerseits Sehnsucht nach Eingebundensein, andererseits die Gefahr, sich im Irrgarten der Natur zu verlieren. Die Erwähnung von Jupiter und der Olympos verstärkt die sakrale Atmosphäre und etabliert eine Verbindung zur antiken Mythologie.

Die zentralen Strophen des Gedichts zeigen eine innige Zwiesprache mit den Geistern des Waldes. Der Dichter bittet um Führung, Trost und Stärke und gesteht seine eigene Sterblichkeit ein. Er erfleht die Hilfe der Geister, die verlorene Götter pflegen und die fliehende Daphne umarmen – Bilder, die die Themen Verlust, Sehnsucht und die Verbindung zwischen Mensch und Mythos vertiefen. Die Zeilen sind voller Ehrfurcht und Demut, was die tiefe spirituelle Erfahrung des lyrischen Ichs unterstreicht. Der Bezug zur „Dryaden Hülfreicher Güte“ am Ende der Strophen unterstreicht die Hoffnung des Dichters auf Trost und Unterstützung.

Das Gedicht endet mit einer Rückbesinnung auf die eigene Sterblichkeit. Der Dichter, ein „Wandrer“, sehnt sich nach der Rückkehr in die Welt der Menschen und bittet die Geister um Hilfe, um seinem Freund von den Erlebnissen im Wald zu berichten. Dies deutet auf ein Bedürfnis nach Vermittlung und der Weitergabe der gemachten Erfahrungen. Die abschließenden Verse sind ein Zeugnis des Bewusstseins der eigenen Unvollkommenheit und der Sehnsucht nach einer einfachen, menschlichen Existenz, während die Verehrung der Natur und ihrer Geister erhalten bleibt. Brentano vereint hier in beeindruckender Weise Naturbetrachtung, Mystik und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.