Unsere alte Katze ist verschieden,
War so sanft und gut.
Ach, sie war des Hauses Trost und Frieden,
Und nun liegt sie da in ihrem Blut.
In Gestalt des Lifts kam er geschlichen,
Lautlos, tückisch, flink: der Tod,
Bis sie unter seiner Eisenfaust verblichen,
Und das ganze Treppenhaus war rot.
Nimmer wirst du mehr im Schoß der Herrin schnurren oder schnarren,
Und der Herr, er krault dich nicht von Zeit zu Zeit.
Unterm Schnee wird man dir eine Grabstatt scharren
Nur zwei Schuhe breit.
Aber einst wird die Posaun ertönen,
Wenn der Katzengott zur Auferstehung bläst.
Und du wandelst dann mit vielen schönen
Katern zum erkornen Fest.
Wie behaglich wirst du in das Himmelsbett, des Himmels Bett dich schmiegen.
Mäuse gibt es ohne Zahl und keinen Hund.
Jeden Tag wirst du ein andres Junges kriegen,
Weiß und schwarz und scheckig oder bunt.
Aber unsre Tränen tropfen, und wir raufen
Uns die Haare sonder Ruh.
Zwar man könnte eine andre Katze kaufen,
Aber das wärst doch nicht du.
Was auch Darwin oder Haeckel sage:
Eine Seele hattest du gewiß.
Und so rinnt denn unsre Totenklage
In die uferlose, in die Finsternis.
Trauercarmen in memoriam unserer plötzlich heimgegangenen Katze
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Trauercarmen in memoriam unserer plötzlich heimgegangenen Katze“ von Klabund ist eine berührende Elegie, die die Trauer über den Tod einer geliebten Katze thematisiert. Es beginnt mit einer einfachen, direkten Feststellung des Verlustes und würdigt das Tier als Quelle von Trost und Frieden im Haushalt. Die Beschreibung des Todes durch einen „Lift“ (Aufzug), der hier als Metapher für den plötzlichen, unbarmherzigen Tod fungiert, erzeugt ein Bild von Gewalt und Unvorhersehbarkeit. Das „rote“ Treppenhaus unterstreicht die Tragik des Ereignisses und die emotionale Wucht, die der Verlust auslöst.
Im weiteren Verlauf des Gedichts werden die Hoffnung und der Trost des Totengedenkens durch die Vorstellung einer paradiesischen „Katzengottes“-Auferstehung aufgegriffen. Diese himmlische Vorstellung, in der die Katze ein erfülltes Leben mit reichlich Nahrung (Mäuse) und ohne Hunde führen kann, bietet einen Moment der Erlösung von der gegenwärtigen Trauer. Die poetische Vorstellung eines „Himmelsbetts“ und der Aussicht auf immer neue „junge“ Katzen bietet eine kindliche, naive Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod, die den Schmerz lindern soll.
Die abschließenden Strophen kehren jedoch zur Realität der Trauer zurück. Die Besitzer, die sich die Haare raufen, drücken das Gefühl der Hilflosigkeit und des tiefen Verlustes aus, welches selbst der Trost durch eine neue Katze nicht lindern kann. Die Erwähnung von Darwin und Haeckel deutet auf eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Seele und dem Glauben an das individuelle Bewusstsein des Tieres. Der Autor scheint sich hier gegen eine rein wissenschaftliche Sichtweise zu wenden und bekennt sich zu der Überzeugung, dass die Katze eine Seele hatte.
Das Gedicht zeichnet sich durch eine Mischung aus Einfachheit und tiefer Emotionalität aus. Die Verwendung einfacher Reime und einer direkten Sprache macht das Gedicht für den Leser zugänglich. Gleichzeitig wird die Tiefe der Trauer durch eindringliche Bilder und Metaphern vermittelt, die das ganze Spektrum der Trauer widerspiegeln: von der anfänglichen Trauer über die Hoffnung auf ein besseres Leben bis hin zur Realität des unersetzlichen Verlustes. Das Gedicht ist somit eine bewegende Hommage an die Beziehung zwischen Mensch und Tier und eine Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Lebens und Todes.
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