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Sommerbetrachtung

Von

Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch.
Die Rosen blühen heute röter noch.
Die Fuchsien halten ihre Farbe auch.
Es bellt am Zaun der kahle Köter noch.

Die Espe zittert, weil es ihr Beruf.
Den roten Pilz betreut der Regenwurm.
Ein Einhorn scharrt versonnen mit dem Huf.
Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.

Der Sommer herbstelt. Im geharkten Kies
Geht an der Krücke ein geborstner Greis.
Ein Kind spielt Mutter. Und es lächelt leis,
Als ich ihm eine offne Grube wies.

Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab
Von Leuten, die noch längst am Leben sind.
O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab:
Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!

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Gedicht: Sommerbetrachtung von Klabund

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Sommerbetrachtung“ von Klabund ist eine melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit und den nahenden Tod, verpackt in eine scheinbar idyllische Sommerlandschaft. Der Dichter beginnt mit einer Beschreibung der Natur, wobei die verwendeten Bilder wie „grüner Strauch“, „röter noch blühende Rosen“ und „Fuchsien“ zunächst eine positive und lebendige Atmosphäre erzeugen. Diese idyllische Szenerie wird jedoch von subtilen Anzeichen des Verfalls und der Vergänglichkeit durchzogen, wie dem „kahlen Köter“, der „zitternden Espe“ und dem „roten Pilz“, der vom Regenwurm betreut wird. Der Dichter nutzt diese Elemente, um eine Stimmung der Unbeständigkeit zu erzeugen, die den Leser auf die tiefere Thematik des Gedichts vorbereitet.

In der zweiten Strophe wird die surreale Atmosphäre verstärkt. Die Beschreibung des Einhorns, das versonnen mit dem Huf scharrt, und der „Sonne, die als Frau auf einem Turm steht“, bricht die Realität auf und deutet auf eine Traumwelt oder eine Vision hin. Diese surrealen Elemente verstärken das Gefühl der Entrücktheit und der Auseinandersetzung mit dem Übernatürlichen. Der Wechsel in der Stimmung wird fortgesetzt und bereitet den Leser auf die kommende Thematik des Todes vor, da die Sonne, traditionell ein Symbol des Lebens und der Wärme, in dieser Betrachtung eine fast überirdische Präsenz hat.

Die dritte Strophe markiert einen klaren thematischen Übergang zum Tod und zur Vergänglichkeit. Die Beschreibung des „geborgsten Greis“ mit der Krücke, der durch den „geharkten Kies“ geht, und das spielende Kind, das eine „offne Grube“ sieht, sind deutliche Anspielungen auf das Sterben und den Tod. Die offene Grube, die dem Kind gezeigt wird, dient als Metapher für das Grab und die Erkenntnis der Endlichkeit des Lebens. Das Kindeslachen wird hier zu einem bitteren Paradox, da die Idylle durch die Erkenntnis des Todes durchbrochen wird.

In der letzten Strophe kulminiert die Thematik in der direkten Konfrontation mit dem Tod. Die Zeilen „Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab / Von Leuten, die noch längst am Leben sind“ verdeutlichen die allgegenwärtige Präsenz des Todes, der sowohl physisch als auch im übertragenen Sinne in den Menschen existiert. Die Zeile „O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab: / Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!“ ist eine überraschende Wendung. Der Dichter umarmt den Tod, der als das Ende des Lebens betrachtet wird, und die Leichtigkeit, mit der er den Wind durch sein „Skelett“ beschreibt, lässt eine Akzeptanz der Sterblichkeit und vielleicht sogar eine gewisse Erleichterung vermuten. Das Gedicht endet also mit einer melancholischen, aber auch tröstlichen Erkenntnis der natürlichen Ordnung von Leben und Tod.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.