Nimm hin den Faden durch das Labyrinth,
Das schrecklicher als jenes alte ist,
In dessen ausweglosem Pfadgewind
Ein scheußlich Ungeheu′r den Wandrer frißt,
Denn hier mein Freund! schreckt dich kein greulich Tier,
Hier trägt der Drache menschliche Gestalt;
Hier ist die Schlange Weib, der Teufel Kavalier;
Hier tut dir Glanz und Tanz und Farb′ und Duft Gewalt,
Hier ist die Sitte Kuppler, Freundschaft Seelverkäufer;
Die Treu Falschmünzer und die Unschuld Werber;
Der Busenfreund Spion, die Ehre Überläufer;
Die Lilie trägt am Hut hier der Verderber,
Mit Rosen deckt sich hier schamlose Schande,
Von Veilchen duftet hier die feile Pest.
Der sichre Weg streift hier am Höllenrande
Und überm Abgrund schwebet hier der Tugend Nest.
Du wagst dich hin! Gott stärke dich zum Helden
Und mach′ für Sünd dich taub und blind und lahm;
Auf daß dies Blatt er möge Lügen schelten,
Wenn besser er hinwegzieht als er kam.
Nimm hin den Faden durch das Labyrinth…
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Nimm hin den Faden durch das Labyrinth…“ von Clemens Brentano zeichnet ein düsteres Bild der modernen Gesellschaft, das sich deutlich von der antiken Mythologie unterscheidet. Das Labyrinth, traditionell ein Ort der Gefahr und des Irrtums, wird hier in ein noch schrecklicheres Konstrukt verwandelt, in dem nicht ein einzelnes Ungeheuer, sondern die Gesellschaft selbst die Reisenden verschlingt. Die Wahl des Fades, wie er in der griechischen Mythologie von Ariadne Theseus gegeben wurde, deutet auf den Versuch hin, einen Weg durch dieses Labyrinth zu finden, doch die Verse machen deutlich, dass dieser Weg von Täuschung und Verderben gesäumt ist.
Der zweite Teil des Gedichts offenbart die wahre Natur des Labyrinths: die menschliche Gesellschaft. Brentano personifiziert abstrakte Konzepte wie „Glanz“, „Tanz“, „Farbe“ und „Duft“ und verleiht ihnen die Macht, den Wanderer zu überwältigen. Die echten Gefahren liegen nicht in äußeren Monstern, sondern in den scheinbar harmlosen Verlockungen des Lebens, in denen die „Sitte“ als Kuppler und die „Freundschaft“ als Seelenverkäufer fungieren. Die Umkehrung von Werten und Moralvorstellungen wird durch die Metaphern von „Treu Falschmünzer“ und „Unschuld Werber“ verdeutlicht, was eine Welt widerspiegelt, in der Vertrauen und Reinheit pervertiert werden.
Die abschließenden Zeilen des Gedichts nehmen eine fast prophetische Haltung ein. Der Dichter appelliert an Gott, den Wanderer zu stärken und ihn taub, blind und lahm für die Sünden zu machen. Dies ist ein verzweifelter Gebet, der impliziert, dass die einzige Möglichkeit, das Labyrinth zu überwinden, in der Ablehnung der Welt und ihrer Verlockungen besteht. Die Hoffnung liegt darin, dass das „Blatt“ – das Gedicht selbst oder das Leben des Wanderers – lügen strafen wird, wenn der Wanderer am Ende besser aus dem Labyrinth hervorgeht als er gekommen ist, also frei von den Versuchungen der Welt.
Brentanos Sprache ist bildreich und voller Metaphern, die die Atmosphäre von Verfall und Täuschung erzeugen. Die Verwendung von Begriffen wie „Ungeheu′r“, „Drache“, „Schlange“ und „Teufel“ in Verbindung mit menschlichen Merkmalen unterstreicht die moralische Verdorbenheit der Gesellschaft. Die umgekehrte Symbolik, wie die „Lilie“ als Zeichen des „Verderbers“ und die „Rosen“ als Tarnung für die „schamlose Schande“, verstärkt die Botschaft der Täuschung und des Betrugs, die das Labyrinth kennzeichnen. Das Gedicht ist somit eine bittere Reflexion über die Korruption der menschlichen Natur und die Schwierigkeit, in einer Welt voller falscher Versprechungen und versteckter Gefahren einen reinen Weg zu finden.
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