Müde schleich ich durch die Morgenstille,
Und es bebt in mir ein fremder Wille.
Wie die Glocken fernes Ave läuten,
Scheint es mir Verachtung zu bedeuten
Meinen Lippen, die noch dunkel bluten
Von des Weibes ungehemmten Gluten;
Haß, daß ich die Tage frei verprasse,
Und ein Armer nicht in Zucht sie fasse.
— Nimmer neid ich euch die Kirchenenge
Und den Küster. Zerren wir die Stränge,
Soll ins Land der Klöppel donnernd hämmern:
Morgenrot! Klabund! die Tage dämmern!
Müde schleich ich
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Müde schleich ich“ von Klabund ist eine düstere Reflexion über Erschöpfung, Ablehnung und die Suche nach Bedeutung im Leben. Der Sprecher befindet sich in einem Zustand der Müdigkeit und des Unbehagens, der durch die Morgenstille und einen „fremden Willen“ ausgedrückt wird. Die Atmosphäre ist getrübt von einem Gefühl der Desillusionierung und der inneren Zerrissenheit, was bereits in der ersten Zeile durch das Wort „müde“ angedeutet wird.
Die folgenden Verse vertiefen dieses Gefühl, indem sie die ambivalente Beziehung des Sprechers zur Religion und zur Sinnlichkeit aufzeigen. Das „ferne Ave“, das als eine Art religiöser Ruf interpretiert werden kann, wird als „Verachtung“ empfunden. Dies deutet auf eine Ablehnung traditioneller Werte und eine Distanzierung von konventionellen Lebenswegen hin. Gleichzeitig reflektieren die „dunkel blutenden“ Lippen die Nachwirkungen einer leidenschaftlichen Begegnung, die sowohl Genuss als auch Reue hervorzurufen scheint. Die Erwähnung der „ungehemmten Gluten“ des Weibes offenbart eine zwiespältige Haltung zur körperlichen Liebe und zur Freiheit, die mit ihr einhergeht.
Der Sprecher scheint sich selbst zu verurteilen, da er seine Tage in Freiheit „verprasst“. Er fühlt sich gezwungen, eine Kritik an sich selbst anzunehmen, die durch den Wunsch ausgedrückt wird, die Tage nicht in Zucht zu verbringen. Dies ist ein Anzeichen für einen tiefen Konflikt zwischen dem Streben nach Genuss und der Sehnsucht nach Ordnung und Sinn. Das Gedicht nimmt eine revolutionäre Haltung ein. Der Sprecher positioniert sich gegen eine enge, kontrollierte Lebensweise und befürwortet einen rebellischen Aufbruch. Dies wird durch die abschließende Anspielung auf den „Klöppel“ und das „Morgenrot“ verdeutlicht, die ein Aufbrechen der traditionellen Ordnung und den Anbruch einer neuen Zeit symbolisieren.
Insgesamt ist „Müde schleich ich“ ein Ausdruck einer tiefen persönlichen Krise, die von der Suche nach Sinn, der Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen und der Ambivalenz gegenüber Genuss und Disziplin geprägt ist. Das Gedicht ist ein Aufruf zur individuellen Freiheit und zum Aufbruch in eine neue Ära, auch wenn der Weg dorthin von Müdigkeit und Selbstzweifeln gezeichnet ist. Klabunds Worte schwingen mit einer Mischung aus Melancholie, Rebellion und dem Wunsch nach einer tieferen, authentischeren Existenz.
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Lizenz und Verwendung
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