Montreux
1890Hier sieht die Landschaft man nicht vor Hotels. Es riecht nach Beefsteak und nach faulen Eiern. Schloß Chillon steht betrübt auf einem Fels Und ist berühmt durch Dichtungen von Byron.
Der Tag beginnt mit einem fetten Lunch, Dann schiebt zum Liegestuhl man sacht den vollen Geliebten Bauch. Und Wesen, die sich Mensch (Mit Unrecht) nennen, hügelabwärts rollen.
Wer unter hundert Franken Rente hat (Pro Tag), der ist ein wüster Proletarier. Man frißt an Hummer sich und Kaviar satt, Und ist kein Klassenhaß von Jud und Arier.
In tausend Meter Höhe erst ist Luft, Dort findet man zwei ärmliche Narzissen. Sie wachsen einer Jungfrau aus der Gruft Und sind versehentlich nicht ausgerissen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Montreux" von Klabund schildert eine satirische und kritische Betrachtung des mondänen Lebens in dem Schweizer Kurort. Die Landschaft wird von Hotels dominiert, und der Geruch nach Beefsteak und faulen Eiern deutet auf einen Mangel an natürlicher Schönheit und Reinheit hin. Das Schloss Chillon, bekannt durch Lord Byrons Dichtung, steht melancholisch auf einem Felsen, was auf die Diskrepanz zwischen literarischer Romantik und der gegenwärtigen Realität hinweist. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt den Tagesablauf der wohlhabenden Besucher, die sich nach einem üppigen Mittagessen in Liegestühlen räkeln. Die Menschen werden als "Wesen, die sich Mensch (Mit Unrecht) nennen" bezeichnet, was ihre Degradierung zu bloßen Konsumenten und ihre Abkehr von menschlichen Werten impliziert. Der Autor kritisiert die soziale Ungleichheit, indem er darauf hinweist, dass nur diejenigen, die über hundert Franken Rente pro Tag verfügen, als würdig angesehen werden, während andere als "wüste Proletarier" abgestempelt werden. Im letzten Teil des Gedichts findet sich eine ironische Wendung, als der Erzähler auf eine Höhe von tausend Metern aufsteigt, wo er zwei "ärmliche Narzissen" entdeckt, die einer Jungfrau aus der Gruft wachsen. Diese Blumen, die nicht ausgerissen wurden, symbolisieren die verbliebene natürliche Schönheit und Unschuld inmitten der künstlichen und materialistischen Welt des Kurorts. Das Gedicht endet mit einer düsteren und pessimistischen Note, die den Verlust der Menschlichkeit und die Entfremdung von der Natur in der modernen Gesellschaft kritisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- berühmt durch Dichtungen von Byron
- Hyperbel
- Wes en, die sich Mensch (Mit Unrecht) nennen, hügelabwärts rollen
- Ironie
- Man frißt an Hummer sich und Kaviar satt, Und ist kein Klassenhaß von Jud und Arier
- Kontrast
- Wer unter hundert Franken Rente hat (Pro Tag), der ist ein wüster Proletarier
- Metapher
- Sie wachsen einer Jungfrau aus der Gruft
- Personifikation
- Schloß Chillon steht betrübt auf einem Fels
- Symbolik
- zwei ärmliche Narzissen