Am frischgeschnittnen Wanderstab,
Wenn ich in der Frühe
So durch die Wälder ziehe,
Hügel auf und ab:
Dann, wie′s Vögelein im Laube
Singet und sich rührt,
Oder wie die goldne Traube
Wonnegeister spürt
In der ersten Morgensonne,
So fühlt auch mein alter, lieber
Adam Herbst- und Frühlingsfieber,
Gottbeherzte,
Nie verscherzte
Erstlings-Paradieseswonne.
Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen:
Liebst und lobst du immer doch,
Singst und preisest immer noch,
Wie an ewig neuen Schöpfungstagen,
Deinen lieben Schöpfer und Erhalter!
Möcht′ es dieser geben!
Und mein ganzes Leben
Wär′ im leichten Wanderschweiße
Eine solche Morgenreise.
Fußreise
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Fußreise“ von Eduard Mörike feiert in einer beschwingten Weise die Freude an der Natur und das Gefühl der Verbundenheit mit der Schöpfung. Der Dichter beschreibt eine Wanderung durch die Landschaft, die ihm ein Gefühl von Harmonie und Glückseligkeit vermittelt, das an die paradiesische Urzeit erinnert. Die Einfachheit des Lebens, das Wandern mit einem Wanderstab in der Hand, wird hier zum Ausgangspunkt einer tieferen Reflexion über die menschliche Existenz und die Beziehung zur Natur.
Das Gedicht ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beschreibt die Freude an der Wanderung selbst und die daraus resultierenden positiven Empfindungen. Mörike vergleicht sein eigenes Gefühl mit dem eines Vogels im Laub oder einer Traube in der Sonne. Diese Vergleiche unterstreichen die Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Freude, die der Dichter beim Wandern empfindet. Im zweiten Teil des Gedichts, kommt die tiefergehende Reflexion. Der „alte, liebe Adam“ wird angesprochen.
Die Anspielung auf Adam, die biblische Gestalt des ersten Menschen, der im Paradies lebte, ist zentral für die Interpretation. Mörike wendet sich gegen die strenge Sicht der Moralisten, die Adam als den Urheber des Sündenfalls sehen. Stattdessen stellt er die freudige, unschuldige Natur des „alten Adam“ in den Vordergrund. Er lobt und preist Gott, wie an einem neuen Schöpfungstag, und erlebt die ursprüngliche „Erstlings-Paradieseswonne“. Dies deutet darauf hin, dass der Dichter in der Natur eine Möglichkeit sieht, zu einem ursprünglichen, unschuldigen Zustand der Freude und des Lobpreises zurückzukehren.
Die abschließenden Verse drücken den Wunsch des Dichters aus, dass sein ganzes Leben wie diese Wanderung sein möge. Der „leichte Wanderschweiß“ wird hier zum Symbol für ein unbeschwertes und freudvolles Leben, das von der Verbundenheit mit der Natur und dem Lob Gottes geprägt ist. Das Gedicht ist somit eine Hommage an die Schönheit der Schöpfung und die Möglichkeit, durch die Natur zu einer ursprünglichen Freude und Dankbarkeit zurückzufinden. Es ist ein Aufruf, das Leben in seiner Einfachheit und Schönheit zu genießen und Gott für all das Gute zu preisen.
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Lizenz und Verwendung
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