Früh im Wagen
1846Es graut vom Morgenreif In Dämmerung das Feld, Da schon ein blasser Streif Den fernen Ost erhellt;
Man sieht im Lichte bald Den Morgenstern vergehn Und doch am Fichtenwald Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick, Den schon die Ferne drängt, Noch in das Schmerzensglück Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht, Ein dunkler See, vor mir, Dein Kuß, dein Hauch umweht, Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt Sich weinend mein Gesicht, Und Purpurschwärze webt Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt. Sie scheucht Den Traum hinweg im Nu, Und von den Bergen streicht Ein Schauer auf mich zu.
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Interpretation
Das Gedicht "Früh im Wagen" von Eduard Mörike schildert einen melancholischen Abschiedsmoment. Die Naturbeobachtung des Morgenanbruchs dient als Metapher für den Übergang vom nächtlichen Glück zur schmerzhaften Realität des Abschieds. Der Dichter vergleicht seinen scheuen Blick, der bereits von der Ferne angezogen wird, mit dem Morgenstern, der im Licht des Mondes verblasst. Die Bilder von Mond und Morgenstern symbolisieren die beiden Liebenden, die sich bald trennen müssen. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht sind noch lebendig und überlagern die gegenwärtige Wirklichkeit. Das "blaue Auge" der Geliebten erscheint wie ein dunkler See vor dem inneren Auge des Dichters, ihre Küsse, ihr Atem und ihre Worte umgeben ihn noch immer. Der Dichter vergräbt sein weinendes Gesicht an ihrem Hals, während eine purpurschwarze Dunkelheit vor seinen Augen webt. Diese Bilder vermitteln die Intensität der Emotionen und die Schwierigkeit, sich von der Geliebten zu lösen. Mit dem Aufgang der Sonne endet der Traum abrupt. Die Realität holt den Dichter ein, als ein Schauer von den Bergen auf ihn zuströmt. Die Natur spiegelt die innere Zerrissenheit und den Schmerz des Abschieds wider. Das Gedicht fängt die flüchtige Natur der Liebe und die bitter-süße Erinnerung an eine vergangene Nacht ein, die durch die Härte des Tages und die Notwendigkeit der Trennung kontrastiert wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dein Kuß, dein Hauch umweht
- Bildsprache
- Und Purpurschwärze webt Mir vor dem Auge dicht
- Hyperbel
- An deinem Hals begräbt Sich weinend mein Gesicht
- Kontrast
- Und doch am Fichtenwald Den vollen Mond noch stehn
- Metapher
- Dein blaues Auge steht, Ein dunkler See, vor mir
- Personifikation
- Es graut vom Morgenreif
- Symbolik
- Die Sonne kommt. Sie scheucht Den Traum hinweg im Nu
- Vergleich
- So ist mein scheuer Blick, Den schon die Ferne drängt