Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , , , , , , , , ,

Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe

Von

1.

Meister, ohne dein Erbarmen
Muß im Abgrund ich verzagen,
Willst du nicht mit starken Armen
Wieder mich zum Lichte tragen

2.

Jährlich greifet deine Güte,
In die Erde, in die Herzen,
Jährlich weckest du die Blüte,
Weckst in mir die alten Schmerzen.

3.

Einmal nur zum Licht geboren,
Aber tausendmal gestorben,
Bin ich ohne dich verloren,
Ohne dich in mir verdorben

4.

Wenn sich so die Erde reget,
Wenn die Luft so sonnig wehet,
Dann wird auch die Flut beweget,
Die in Todesbanden stehet.

5.

Und in meinem Herzen schauert
Ein betrübter bittrer Bronnen,
Wenn der Frühling draußen lauert,
Kömmt die Angstflut angeronnen.

6.

Weh! durch giftge Erdenlagen,
Wie [die] Zeit sie angeschwemmet,
Habe ich den Schacht geschlagen,
Und er ist nur schwach verdämmet.

7.

Wenn nun rings die Quellen schwellen,
Wenn der Grund gebärend ringet,
Brechen her die giftgen Wellen,
Die kein Fluch, kein Witz mir zwänget.

8.

Andern ruf ich, schwimme, schwimme,
Mir kann solcher Ruf nicht taugen,
Denn in mir ja steigt die grimme
Sündflut, bricht aus meinen Augen.

9.

Und dann scheinen bös Gezüchte
Mir die bunten Lämmer alle,
Die ich grüßte, süße Früchte,
Die mir reiften, bittre Galle.

10.

Herr, erbarme du dich meiner,
Daß mein Herz neu blühend werde,
Mein erbarmte sich noch keiner
Von den Frühlingen der Erde.

11.

Meister, wenn dir alle Hände
Nahn mit süßerfüllten Schalen,
Kann ich mit der bittern Spende
Meine Schuld dir nimmer zahlen

12.

Ach, wie ich auch tiefer wühle,
Wie ich schöpfe, wie ich weine,
Nimmer ich den Schwall erspüle
Zum Kristallgrund fest und reine.

13.

Immer stürzen mir die Wände,
Jede Schicht hat mich belogen,
Und die arbeitblutgen Hände
Brennen in den bittern Wogen.

14.

Weh! der Raum wird immer enger,
Wilder, wüster stets die Wogen,
Herr, o Herr! ich treib′s nicht länger,
Schlage deinen Regenbogen.

15.

Herr, ich mahne dich, verschone,
Herr! ich hört in jungen Tagen,
Wunderbare Rettung wohne
Ach, in deinem Blute, sagen.

16.

Und so muß ich zu dir schreien,
Schreien aus der bittern Tiefe,
Könntest du auch nicht verzeihen,
Daß dein Knecht so kühnlich riefe!

17.

Daß des Lichtes Quelle wieder
Rein und heilig in mir flute,
Träufle einen Tropfen nieder,
Jesus, mir, von deinem Blute!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe“ von Clemens Brentano ist ein ergreifender Ausdruck von Verzweiflung und dem verzweifelten Ruf nach Erlösung in einer Zeit des Erwachens. Das lyrische Ich, ein „Knecht“, befindet sich in einer tiefen seelischen Not, die durch den Frühling, der eigentlich für neues Leben und Hoffnung steht, nur noch verstärkt wird. Der Titel deutet bereits die Diskrepanz zwischen der Jahreszeit und der inneren Befindlichkeit des Sprechers an. Erschwerend kommt noch hinzu, dass das lyrische Ich sich in einem Abgrund befindet, aus dem es keinen Ausweg sieht, ohne die Hilfe seines „Meisters“.

Die ersten Strophen etablieren das zentrale Motiv: Die Natur erwacht, doch das lyrische Ich leidet unter alten Schmerzen. Der Frühling, der eigentlich Freude bringen sollte, erneuert nur das Leid. Die Metapher der „Angstflut“, die im Herzen des Sprechers anschwillt, verdeutlicht das Ausmaß seiner seelischen Qual. Die wiederholte Anrede „Meister“ etabliert ein Abhängigkeitsverhältnis und eine Sehnsucht nach Gottes gnädiger Hilfe. Die Verwendung von Bildern wie „giftge Erdenlagen“ und „Todesbanden“ verstärkt das düstere Bild der inneren Zerrissenheit.

In den folgenden Strophen wird die Hoffnungslosigkeit des lyrischen Ichs weiter vertieft. Er fühlt sich von seiner eigenen Vergangenheit und den „giftgen Wellen“ überflutet, die aus ihm selbst entspringen. Die Vergleiche mit der Natur, wie die „bunten Lämmer“ und die „süßen Früchte“, werden zu einem Spiegelbild seiner Enttäuschung und Verbitterung. Die Unfähigkeit, sich selbst aus dieser Situation zu befreien, kulminiert in dem flehenden Appell an den „Herrn“.

Der Höhepunkt des Gedichts ist der direkte Appell an Jesus, um Erlösung durch sein Blut zu erbitten. Der Knecht fleht um einen Tropfen, um die „Lichtes Quelle“ in ihm zu reinigen. Diese letzte Bitte ist Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, aber auch der Hoffnung, dass selbst in der tiefsten Finsternis Erlösung möglich ist. Die wiederholte Verwendung von Fragen und Ausrufen unterstreicht die emotionale Intensität und die Dringlichkeit des Gebets. Das Gedicht endet mit einem Ruf nach Vergebung und Erlösung, der die zerrissene Seele des lyrischen Ichs widerspiegelt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.