In der stillen Pracht,
In allen frischen Büschen und Bäumen
Flüsterts wie Träumen
Die ganze Nacht.
Denn über den mondbeglänzten Ländern
Mit langen weißen Gewändern
Ziehen die schlanken
Wolkenfraun wie geheime Gedanken,
Senden von den Felsenwänden
Hinab die behenden
Frühlingsgesellen, die hellen Waldquellen,
Die′s unten bestellen
An die duftgen Tiefen,
Die gerne noch schliefen.
Nun wiegen und neigen in ahnendem Schweigen
Sich alle so eigen
Mit Ähren und Zweigen,
Erzählens den Winden,
Die durch die blühenden Linden
Vorüber den grasenden Rehen
Säuselnd über die Seen gehen,
Daß die Nixen verschlafen auftauchen
Und fragen,
Was sie so lieblich hauchen –
Wer mag es wohl sagen?
Frühlingsdämmerung
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Frühlingsdämmerung“ von Joseph von Eichendorff beschreibt eine mystische und idyllische Frühlingsnacht, in der Natur und Traum miteinander verschmelzen. Der Titel deutet auf einen Zeitpunkt zwischen Tag und Nacht, eine Zeit der Übergänge, in der die Welt in einem besonderen Licht erscheint. Das Gedicht ist geprägt von einer romantischen Stimmung, die durch die Verwendung von Bildern und Metaphern erzeugt wird, die die Sinnlichkeit und das Geheimnis des Frühlings hervorheben.
Eichendorff bedient sich einer lebendigen Natursprache, um die Szenerie zu beschreiben. Die „stillen Pracht“ der Natur, das Flüstern der Bäume und Büsche „wie Träumen“ in der Nacht, die „schlanken Wolkenfraun“ und die „hellen Waldquellen“ schaffen ein Bild von Bewegung und Leben, das von einer geheimnisvollen Kraft durchdrungen ist. Die „Frühlingsgesellen“ und die „duftgen Tiefen“ werden personifiziert und verleihen der Natur eine Seele. Die Verwendung von Adjektiven wie „mondbeglänzt“, „ahndendem“ und „blühenden“ trägt zur Schaffung einer Atmosphäre der Schönheit und des Geheimnisses bei.
Die Wolkenfrauen, die „wie geheime Gedanken“ über die Landschaft ziehen, symbolisieren eine ungreifbare, transzendente Welt. Die Quellen, die „unten bestellen“, und die Bäume und Ähren, die sich „in ahnendem Schweigen“ wiegen, scheinen auf ein verborgenes Wissen hinzuweisen. Der Wind, der durch die blühenden Linden säuselt, und die Rehe, die über die Seen grasen, sind weitere Elemente, die das Bild der Natur vervollständigen und die Lebendigkeit der Szene unterstreichen. Der Vers „Erzählens den Winden“ suggeriert, dass die Natur selbst eine Geschichte zu erzählen hat, ein Geheimnis, das nur erahnt werden kann.
Das Gedicht endet mit der Frage, was die Nixen, die aus dem Schlaf erwachen, so lieblich hauchen. Diese Frage deutet auf das Unbekannte und Unaussprechliche hin, auf das Geheimnis, das der Natur innewohnt. Der Sprecher stellt die Frage, „Wer mag es wohl sagen?“, wodurch die Unmöglichkeit der vollständigen Erfassung und Erklärung des Frühlingswunders betont wird. Insgesamt ist das Gedicht eine Feier der Natur, der Träume und des Geheimnisses, das die Welt in der Frühlingsdämmerung umgibt.
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Lizenz und Verwendung
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