Frau Venus
Was weckst du, Frühling, mich von neuem wieder?
Daß all die alten Wünsche auferstehen,
Geht übers Land ein wunderbares Wehen;
Das schauert mir so lieblich durch die Glieder.
Die schöne Mutter grüßen tausend Lieder,
Die, wieder jung, im Brautkranz süß zu sehen;
Der Wald will sprechen, rauschend Ströme gehen,
Najaden tauchen singend auf und nieder.
Die Rose seh ich gehn aus grüner Klause
Und, wie so buhlerisch die Lüfte fächeln,
Errötend in die laue Flut sich dehnen.
So mich auch ruft ihr aus dem stillen Hause –
Und schmerzlich nun muß ich im Frühling lächeln,
Versinkend zwischen Duft und Klang vor Sehnen.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Frau Venus“ von Joseph von Eichendorff ist eine melancholische Reflexion über die Sehnsucht und das Verlangen, die der Frühling und die wiedererwachte Natur in uns wecken. Es ist eine Auseinandersetzung mit den alten Wünschen, die im Frühling wieder aufleben, aber auch mit der Erkenntnis, dass diese Sehnsüchte nicht unbedingt zu Erfüllung und Glück führen. Der Dichter wird von den Frühlingsgefühlen erfasst, fühlt aber auch eine tiefe Melancholie, die seinen Genuss an der Schönheit der Natur überschattet.
In den ersten acht Versen wird die erweckende Kraft des Frühlings bildhaft dargestellt. Die Natur erwacht zu neuem Leben, was sich in „wunderbarem Wehen“, dem Gesang tausender Lieder und dem Sprechen des Waldes manifestiert. Die beschriebenen Bilder der Natur sind von Sinnlichkeit geprägt: „Najaden tauchen singend auf und nieder“, die „Rose“ erscheint „errötend in die laue Flut“. Der Frühling und die Natur sind hier eng mit der Figur der Venus, der Göttin der Liebe und Schönheit, verbunden. Der Dichter lässt sich vom Frühlingsgefühl anziehen und verspürt die Sehnsucht nach der Frau Venus, die in ihm geweckt wird.
Die letzten sechs Verse offenbaren die paradoxe Natur der Sehnsucht. Obwohl der Dichter von dem Ruf des Frühlings angesprochen wird, muss er „schmerzlich nun im Frühling lächeln“. Diese Zeile deutet auf eine tiefe innere Zerrissenheit hin. Die Freude und das Verlangen werden von Schmerz begleitet, möglicherweise aufgrund unerfüllter Sehnsüchte oder der Erkenntnis, dass die geträumten Ideale unerreichbar sind. Das Versinken „zwischen Duft und Klang vor Sehnen“ verdeutlicht die überwältigende Macht der Sehnsucht, die den Dichter in einen Zustand der Passivität und des Leidens versetzt.
Eichendorff verwendet in diesem Gedicht eine elegante Sprache, die reich an Bildern und Metaphern ist. Der Frühling wird als kraftvolle, sinnliche Kraft beschrieben, die die Seele ergreift. Die Verbindung von Natur und Mythologie, insbesondere die Anspielung auf Venus, verleiht dem Gedicht eine romantische Tiefe. Die Widersprüchlichkeit zwischen dem freudigen Erwachen der Natur und der melancholischen Reaktion des Dichters ist ein zentrales Thema, das die Unvereinbarkeit von Sehnsucht und Erfüllung in den Fokus rückt.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.