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Erinna an Sappho

Von

»Vielfach sind zum Hades die Pfade«, heißt ein
Altes Liedchen – »und einen gehst du selber,
Zweifle nicht!« Wer, süßeste Sappho, zweifelt?
Sagt es nicht jeglicher Tag?

Doch den Lebenden haftet nur leicht im Busen
Solch ein Wort, und dem Meer anwohnend ein Fischer von Kind auf
Hört im stumpferen Ohr der Wogen Geräusch nicht mehr.
– Wundersam aber erschrak mir heute das Herz. Vernimm!

Sonniger Morgenglanz im Garten,
Ergossen um der Bäume Wipfel,
Lockte die Langschläferin (denn so schaltest du jüngst Erinna!)
Früh vom schwüligen Lager hinweg.
Stille war mein Gemüt; in den Adern aber
Unstet klopfte das Blut bei der Wangen Blässe.

Als ich am Putztisch jetzo die Flechten löste,
Dann mit nardeduftendem Kamm vor der Stirn den Haar-
Schleier teilte – seltsam betraf mich im Spiegel Blick in Blick.
Augen, sagt ich, ihr Augen, was wollt ihr?
Du, mein Geist, heute noch sicher behaust da drinne,
Lebendigen Sinnen traulich vermählt,
Wie mit fremdendem Ernst, lächelnd halb, ein Dämon,
Nickst du mich an, Tod weissagend!
– Ha, da mit eins durchzuckt\‘ es mich
Wie Wetterschein! wie wenn schwarzgefiedert ein tödlicher Pfeil
Streifte die Schläfe hart vorbei,
Daß ich, die Hände gedeckt aufs Antlitz, lange
Staunend blieb, in die nachtschaurige Kluft schwindelnd hinab.

Und das eigene Todesgeschick erwog ich;
Trockenen Augs noch erst,
Bis da ich dein, o Sappho, dachte,
Und der Freundinnen all,
Und anmutiger Musenkunst,
Gleich da quollen die Tränen mir.

Und dort blinkte vom Tisch das schöne Kopfnetz, dein Geschenk,
Köstliches Byssosgeweb, von goldnen Bienlein schwärmend.
Dieses, wenn wir demnächst das blumige Fest
Feiern der herrlichen Tochter Demeters,
Möcht ich ihr weihn, für meinen Teil und deinen;
Daß sie hold uns bleibe (denn viel vermag sie),
Daß du zu früh dir nicht die braune Locke mögest
Für Erinna vom lieben Haupte trennen.

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Gedicht: Erinna an Sappho von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Erinna an Sappho“ von Eduard Mörike ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Tod, eingebettet in eine poetische Szene der antiken Welt. Das Gedicht nimmt die Form eines Briefes an die Dichterin Sappho an und thematisiert die plötzliche Konfrontation der Sprecherin Erinna mit der Vorstellung des Todes. Der Einstieg mit dem Zitat „Vielfach sind zum Hades die Pfade“ leitet die zentrale Thematik ein und verweist auf die Allgegenwart des Todes.

Der erste Teil des Gedichts beschreibt eine Szene des Morgens, in der Erinna in ihrem Garten erwacht und sich mit der Schönheit der Welt konfrontiert sieht. Sie wird von einem Gefühl der Unruhe und der Blässe erfasst, während sie sich für den Tag zurechtmacht. Das Spiegelbild wird zum Auslöser eines erschreckenden Moments, in dem sie sich dem Tod direkt gegenübergestellt sieht. Die Metapher des „Dämonen“ und die „Tod weissagende“ Geste des Spiegels deuten auf eine tiefgreifende innere Zerrissenheit und die Ahnung des Todes hin.

Der zweite Teil des Gedichts widmet sich der Reaktion auf diese Konfrontation. Erinna erwägt ihr eigenes Schicksal, bis sie an Sappho und ihre Freundinnen denkt. Diese Erinnerung löst Tränen aus, ein Ausdruck der Liebe, der Freundschaft und des Schmerzes über den Gedanken an den Verlust. Die Erwähnung des kostbaren Kopfnetzes, ein Geschenk von Sappho, das für ein kommendes Fest der Demeter bestimmt ist, unterstreicht die Verbundenheit zwischen den Frauen und die Hoffnung auf ein langes Leben.

Das Gedicht ist durchzogen von Motiven wie Schönheit, Vergänglichkeit, Liebe und Freundschaft. Mörike verwendet eine detailreiche Sprache und Bilder, um die innere Gefühlswelt der Erinna darzustellen. Die poetische Gestaltung, die Verknüpfung von Alltagsmomenten mit existenziellen Fragen und die Verwendung von antiken Bezügen schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Das Gedicht ist somit eine bewegende Auseinandersetzung mit dem Leben und Sterben, der Liebe und der Hoffnung, die über die antike Welt hinaus gültig ist.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.