Dreizehn Jahre alt
Wie du im Abendqualm
So einfältig an mir vorübergehst,
Tauchst du in meinen Gleichmutblick den deinen –
Den deinen
Der in dem mageren Gesicht wie eine Frage,
Wie feuchter grauer Schimmer schwimmt –
O unbewußte Mädchenklage –
Dein Auge frägt – dein Auge glimmt –
Du hast so sehnsuchtmagere Glieder,
Du trägst noch zartgeflochtene falbe Kinderhaare,
Du hast so aufgeschossene Glieder,
Du bist wohl dreizehn Jahre alt – schon dreizehn Jahre –
Du trägst das blaugepunkte kurze Kleid
Aus Waschkattun,
Du gehst in lächerlichen Kinderschuh′n –
Du steckst noch ganz in Kindlichkeit,
Doch dein Auge – dein Auge allein….
Doch gehst du wie in trübem Bangen,
Doch gehst du so befangen –
Ich weiß, es weht der Frühjahrswind –
Die Luft ist dunstigblau, blütenlind –
Du möchtest gern dich selbst erlösen –
Geh weiter – weiter, kleines blasses Kind –
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Dreizehn Jahre alt“ von Gerrit Engelke zeichnet das Porträt eines jungen Mädchens, das sich im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter befindet. Der Dichter beobachtet die Protagonistin, die mit ihren jugendlichen Zügen und einem Ausdruck der Ungewissheit und des Aufbruchs durch die Szenerie wandelt. Die Sprache des Gedichts ist schlicht und direkt, jedoch mit einer subtilen Melancholie, die die Stimmung des lyrischen Ichs und des Mädchens widerspiegelt.
In den ersten Strophen werden das Erscheinungsbild und die Gefühlswelt des Mädchens beschrieben. Engelke konzentriert sich auf Details wie das „magere Gesicht“, die „sehnsuchtmagere Glieder“ und die „zartgeflochtenen falben Kinderhaare“. Diese Beschreibungen unterstreichen die Fragilität und Unschuld der Figur. Der Blick des Mädchens, der „wie eine Frage“ und wie „feuchter grauer Schimmer“ wirkt, deutet auf eine tiefe innere Zerrissenheit und das unbewusste Erfassen der Veränderungen hin, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen. Das lyrische Ich nimmt diese „unbewußte Mädchenklage“ wahr und reflektiert sie.
Der zweite Teil des Gedichts verstärkt das Gefühl der Übergangsphase. Die Aufzählung von Details wie dem „blaugepunktete kurze Kleid“ und den „lächerlichen Kinderschuh’n“ unterstreicht die kindliche Erscheinung des Mädchens, während das „Auge“ eine andere Geschichte erzählt. Es ist das Auge, das „allein“ eine tiefere Bedeutung trägt und das „trübe Bangen“ und die „Befangenheit“ des Mädchens offenbart. Hier wird der Konflikt zwischen Kindheit und den ersten Anzeichen des Erwachsenwerdens deutlich. Der Frühling und die „blütenlind“e Luft stehen im Kontrast zur inneren Gefühlswelt des Mädchens und untermalen die Komplexität dieser Phase.
Die abschließende Zeile „Geh weiter – weiter, kleines blasses Kind –“ kann als eine Mischung aus Mitgefühl und Distanz interpretiert werden. Das lyrische Ich erkennt die Schwierigkeiten des Mädchens, gibt aber gleichzeitig keine direkten Ratschläge. Es ist ein Abschied von der Kindheit, eine Ermutigung, den Weg des Erwachsenwerdens zu gehen, verbunden mit einem Hauch von Wehmut. Das Gedicht ist somit eine ergreifende Momentaufnahme, die die Zartheit und die Widersprüche der Pubertät einfühlsam einfängt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.