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Die Zigeunerin

Von

Am Kreuzweg, da lausche ich, wenn die Stern
Und die Feuer im Walde verglommen,
Und wo der erste Hund bellt von fern,
Da wird mein Bräutigam herkommen.

»Und als der Tag graut′, durch das Gehölz
Sah ich eine Katze sich schlingen,
Ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz,
Wie tat die weitüber springen!« –

′s ist schad nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!
Mein Schatz muß sein wie die andern:
Braun und ein Sturzbart auf ungrischen Schnitt
Und ein fröhliches Herze zum Wandern.

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Gedicht: Die Zigeunerin von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Zigeunerin“ von Joseph von Eichendorff entwirft in knappen Strophen ein lebendiges Bild von Sehnsucht, Erwartung und unbändiger Freiheit. Die Protagonistin, eine Zigeunerin, wartet am Kreuzweg auf ihren Bräutigam, ein Symbol für eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Gemeinschaft, aber auch für eine ungebundene Lebensweise, die sich der Konvention entzieht. Die Szenerie der nächtlichen Natur mit verglommenen Sternen und Waldfeuern, kombiniert mit dem fernen Hundegebell, erzeugt eine geheimnisvolle und romantische Atmosphäre, die die Stimmung der wartenden Frau widerspiegelt.

Die zweite Strophe unterbricht die sehnsüchtige Erwartung und fügt eine überraschende Wendung hinzu. Die Zigeunerin erzählt von einer Begegnung mit einer Katze, die sie mit einem Schuss verjagt. Dieser Moment der Gewalttätigkeit steht im Kontrast zur zuvor beschworenen Idylle und deutet auf eine tiefere, möglicherweise dunklere Seite der Zigeunerin hin. Die Zeilen sind von einer rohen Direktheit geprägt, die einen Einblick in eine Welt gibt, die von Instinkten und einer gewissen Unberechenbarkeit bestimmt ist. Die „nußbraune“ Farbe des Pelzes betont die Natürlichkeit und Wildheit der Szene.

Die letzte Strophe, die mit der Zeile „’s ist schad nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!“ beginnt, kehrt zur ursprünglichen Sehnsucht zurück und unterstreicht die Freiheit und Unabhängigkeit der Zigeunerin. Sie verachtet die Jagd und versichert, dass der Tod der Katze sie nicht davon abhalten wird, auf ihren Bräutigam zu warten. Die Beschreibung ihres idealen Geliebten – „Braun und ein Sturzbart auf ungrischen Schnitt“ – verweist auf einen Mann, der ebenfalls frei, unkonventionell und dem Wanderleben verbunden ist. Das „fröhliche Herze zum Wandern“ symbolisiert die gemeinsame Sehnsucht nach einem Leben jenseits fester Bindungen und vorgegebener Wege.

Eichendorff vereint in diesem Gedicht Elemente der Romantik mit einer Prise Wildheit und einem Hauch von Melancholie. Das Gedicht fängt das Lebensgefühl der Zigeuner ein, für die Freiheit und die Liebe zur Natur untrennbar miteinander verbunden sind. Die vermeintliche Wildheit der Natur wird hier mit der ebenso rauen und ungezähmten Natur der Seele verbunden. Die Zigeunerin repräsentiert damit eine Sehnsucht nach einem authentischen Leben, frei von gesellschaftlichen Zwängen, das gleichzeitig mit der Akzeptanz von Verlust und Tod verbunden ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.