Der neue Rattenfänger
Juchheisa! Und ich führ den Zug
Hopp über Feld und Graben.
Des alten Plunders ist genug,
Wir wollen neuen haben.
»Was! Wir gering? Ihr vornehm, reich?
Planierend schwirrt die Schere,
Seid Lumps wie wir, so sind wir gleich,
Hübsch breit wird die Misere!
Das alte Lied, das spiel ich neu,
Da tanzen alle Leute,
Das ist die Vaterländerei,
O Herr, mach uns gescheute! –
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der neue Rattenfänger“ von Joseph von Eichendorff ist eine satirische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Wandel und der Entstehung neuer Ungleichheiten. Es bedient sich der Metapher des Rattenfängers, um eine Figur zu zeichnen, die nicht nur Ratten, sondern auch neue Ideologien und soziale Strömungen anlockt und in ihren Bann zieht. Der freudige Ausruf „Juchheisa!“ und die Ankündigung, einen „Zug“ anzuführen, signalisieren einen Aufbruch, eine Bewegung hin zu etwas Neuem, das jedoch von vornherein einen dubiosen Charakter hat. Der Wunsch nach „neuem“ statt des „alten Plunders“ deutet auf eine Kritik am Bestehenden, jedoch ohne klare Vorstellung einer positiven Alternative.
Die zweite Strophe verdeutlicht die subversive Natur des neuen Rattenfängers. Hier wird die gesellschaftliche Hierarchie aufgebrochen: Er spricht die vermeintlich „Vornehmen“ und „Reichen“ an und stellt eine Gleichsetzung mit den „Lumps“ her, den ärmeren und sozial Abgehängten. Durch die Metapher der „Schere“ und des „Planierens“ wird ein Prozess der Nivellierung angedeutet, bei dem Unterschiede eingeebnet werden. Die „Misere“ wird „hübsch breit“, was ironisch die Verbreitung von Unglück und Not betont, anstatt eine tatsächliche Verbesserung der Lebensumstände anzustreben. Der Rattenfänger nutzt die Unzufriedenheit der Menschen, um sie für seine Zwecke zu instrumentalisieren.
In der letzten Strophe wird die Täuschung des Rattenfängers offengelegt. Er spielt das „alte Lied“ neu, was darauf hindeutet, dass er altbekannte Muster und Versprechungen in neuer Form präsentiert. Die Formulierung „Da tanzen alle Leute“ deutet auf eine kollektive, aber oberflächliche Begeisterung hin, die jedoch auf Täuschung beruht. Die „Vaterländerei“ wird ironisch als falsches Versprechen entlarvt, das letztlich nicht zu echter Gemeinschaft und Solidarität führt. Der abschließende Appell „O Herr, mach uns gescheute!“ zeugt von der Erkenntnis der Täuschung und dem Wunsch nach Aufklärung, während er gleichzeitig die Fragilität der menschlichen Natur im Angesicht verlockender Ideologien und Versprechungen betont.
Eichendorffs Gedicht ist somit eine Warnung vor blindem Vertrauen in vermeintliche Heilsbringer und neuen Ideologien. Es kritisiert die Sehnsucht nach Veränderung, wenn diese nicht auf kritischer Reflexion und einem echten Verständnis der zugrunde liegenden Probleme basiert. Der „neue Rattenfänger“ steht sinnbildlich für die Gefahren von Manipulation und dem Missbrauch von Emotionen und gesellschaftlichen Spannungen, um persönliche Ziele zu erreichen. Das Gedicht wirft Fragen nach den Mechanismen der Massenverführung und der Notwendigkeit von kritischem Denken in Zeiten des Wandels auf.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.