Der Lenz mit Klang und roten Blumenmunden
Der Lenz mit Klang und roten Blumenmunden,
Holdselge Pracht! wird bleich in Wald und Aue;
Tonlos schweift ich damals durchs heitre Blaue,
Hatt nicht das Glühn im Tiefsten noch empfunden.
Da sprach Waldhorn von überselgen Stunden,
Und wie ich mutig in die Klänge schaue,
Reit′t aus dem Wald die wunderschöne Fraue
O! Niederknien, erst′s Aufblühn ewiger Wunden!
Zu weilen, fortzuziehn, schien sie zu zagen,
Verträumt blühten ins Grün der Augen Scheine,
Der Wald schien schnell zu wachsen mit Gefunkel.
Aus meiner Brust quoll ein unendlich Fragen,
Da blitzten noch einmal die Edelsteine,
Und um den Zauber schlug das grüne Dunkel.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Lenz mit Klang und roten Blumenmunden“ von Joseph von Eichendorff beschreibt eine transformative Erfahrung des lyrischen Ichs, die durch das Erwachen des Frühlings und die Begegnung mit einer geheimnisvollen Frau ausgelöst wird. Die ersten vier Verse etablieren die Atmosphäre des Frühlings und die anfängliche Unberührtheit des Sprechers. Der Lenz wird als Zeit der „Holdselge Pracht“ und des „Klangs“ dargestellt, doch das lyrische Ich fühlt sich davon entfremdet, „tonlos“ und unverbunden mit der Lebendigkeit der Natur. Erst als es die innere „Glühn“ entdeckt, beginnt die Veränderung.
Die folgenden vier Verse markieren den Wendepunkt des Gedichts. Der Klang des Waldhorns, ein Symbol für die Romantik und die Sehnsucht nach dem Unbekannten, zieht das lyrische Ich an. In dieser bezauberten Atmosphäre erscheint die „wunderschöne Fraue“, eine Vision von Schönheit und Verheißung. Ihre Erscheinung führt zu einer tiefgreifenden emotionalen Reaktion, ausgedrückt durch die Zeile „O! Niederknien, erst′s Aufblühn ewiger Wunden!“. Hier wird die Ambivalenz der Liebe angedeutet: Sie ist sowohl eine Quelle der Freude als auch des Schmerzes. Die „ewigen Wunden“ deuten auf die Verletzlichkeit und die tiefgreifenden Auswirkungen hin, die diese Begegnung auf das lyrische Ich hat.
Die letzten vier Verse beschreiben das flüchtige Verweilen und das anschließende Verschwinden der Frau. Die Beschreibung ihrer Augen, die ins „Grün“ der Umgebung blühen, verschmilzt sie mit der Natur und dem Zauber des Frühlings. Der Wald, der zuvor ein unbeteiligter Beobachter war, beginnt zu wachsen und zu funkeln, was die Intensität des Erlebnisses verstärkt. Das lyrische Ich erlebt eine Flut von „unendlich Fragen“, die die Tiefe seiner Emotionen und die Unfähigkeit, das Erlebte zu fassen, verdeutlichen.
Das Gedicht endet mit dem Bild der „Edelsteine“ und dem „grünen Dunkel“, das den Zauber umhüllt. Diese Bilder deuten auf die bleibende Präsenz der Frau und die Mystik des Erlebnisses hin. Der Zauber, der von der Frau ausgeht, verwebt sich mit der Natur und hinterlässt eine tiefe, unvergessliche Spur im Herzen des lyrischen Ichs. Eichendorff nutzt in diesem Gedicht eine romantische Bildsprache, um die Erfahrung von Liebe, Sehnsucht und die Suche nach dem Selbst im Angesicht der Natur und der Schönheit widerzuspiegeln.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.