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Der Kranke

Von

Vögelein munter
Singen so schön,
Laßt mich hinunter
Spazieren gehn!

»Nacht ists ja draußen;
′s war nur der Sturm,
Den du hörst sausen
Droben vom Turm.«

Liebchen im Garten
Seh ich dort stehn,
Lang mußt sie warten,
O laßt mich gehn.

»Still nur, der blasse
Tod ists, der sacht
Dort durch die Gasse
Schleicht in der Nacht.«

Wie mir ergraute,
Bleiches Gesicht!
Gebt mir die Laute,
Mir wird so licht!

»Was willst du singen
In tiefster Not?
Lenz, Lust vergingen,
Liebchen ist tot!« –

Laßt mich, Gespenster!
Lied, riegl auf die Gruft!
Öffnet die Fenster,
Luft, frische freie Luft!

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Gedicht: Der Kranke von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Kranke“ von Joseph von Eichendorff ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem Thema Krankheit, Sterben und der Sehnsucht nach Leben und Liebe. Es entfaltet sich in einer dialogartigen Struktur, in der der Kranke seine Wünsche äußert, während eine Stimme, vermutlich die des Bewusstseins oder gar des Todes, ihm entgegentritt und ihn mit der Realität konfrontiert. Das Gedicht ist von einer tiefen Melancholie durchzogen und spiegelt die innere Zerrissenheit des Kranken wider, der zwischen dem Wunsch nach der Lebendigkeit der Welt und der schmerzlichen Gewissheit seines nahenden Endes gefangen ist.

Die ersten Strophen zeigen den Kontrast zwischen der Welt des Kranken und der äußeren Welt. Das „Vögelein munter“ und das „Liebchen im Garten“ symbolisieren die Lebensfreude und die Liebe, nach denen sich der Kranke sehnt. Seine Bitte, spazieren zu gehen und seine Geliebte zu sehen, zeugt von dem unbändigen Wunsch nach Teilhabe am Leben. Doch die Stimme, die er vernimmt, unterbricht diese Träume und konfrontiert ihn mit der trüben Realität der Nacht und des Sturms, die als Metaphern für Krankheit und Tod dienen. Die zweite Strophe verstärkt diesen Kontrast, indem die Stimme ihn mit dem Tod direkt konfrontiert, der durch die Gasse schleicht.

In den weiteren Strophen eskaliert die Situation. Der Kranke bemerkt sein „ergrautes, bleiches Gesicht“ und bittet um die Laute, vermutlich um durch Musik Trost und Ablenkung zu finden. Doch auch dieser Wunsch wird von der Stimme abgelehnt, die ihm die grauenhafte Wahrheit offenbart: „Lenz, Lust vergingen, Liebchen ist tot!“ Diese Aussage ist der Kulminationspunkt der Verzweiflung des Kranken. Die Welt, die er sich ersehnt, scheint ihm nun endgültig verschlossen zu sein. Der Verlust des Liebchens verstärkt das Gefühl von Isolation und Sinnlosigkeit.

Die letzten beiden Strophen stellen einen verzweifelten Appell dar. Der Kranke wendet sich an „Gespenster“, fordert sie auf, das Grab zu riegeln und bittet um frische Luft. Dieser Aufschrei spiegelt den Kampf gegen das eigene Schicksal wider, den Wunsch nach Freiheit und Leben. Er scheint sich von der resignation aus den vorherigen Strophen zu lösen und mit aller Kraft dem Tod entgegenzustreben. Die Sehnsucht nach der Freiheit und Lebendigkeit ist stark in den letzten Zeilen des Gedichts zu spüren, die somit den tragischen Konflikt des Kranken nochmals aufgreifen und zum Ausdruck bringen. Das Gedicht ist ein eindringliches Beispiel für Eichendorffs Fähigkeit, die Tiefen menschlicher Emotionen in poetischer Form zu erfassen und darzustellen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.