Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret
Es ründen an der heilgen Kuppel sich die Töne
Nicht mehr in schöne Worte des Gebetes,
Und teilen sich im Takte an den Säulen
Die in der Krone leichte Melodien
In lieblicher Verirrung schöner Locken
Auf ihre ernsten hohen Stirnen wallen.
Zertrümmert ist das herrliche Gebäude
Und mit dem Echo ist das Wort gestorben.
Vom weiten Himmel hallt kein Lied zurücke.
Denn schrecklich ist die Macht des großen Lebens
Und unermeßlich ist es hier zu beten.
Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret…
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret…“ von Clemens Brentano thematisiert den Verlust des Göttlichen und die Zerstörung der spirituellen Ordnung. Das Gedicht beginnt mit der Aussage, dass der „hohe Tempel der Gottheit“ zerstört wurde, was eine Metapher für den Niedergang der Spiritualität oder des Glaubens sein könnte. Die einstige Harmonie des Gebets, die in „schönen Worten“ ausgedrückt wurde, ist dahin. Die einstige Einheit und der Einklang zwischen den Gläubigen und Gott, symbolisiert durch die „leichten Melodien“ an den Säulen, ist gebrochen.
Die Zerstörung wird in bildhaften Worten weiter beschrieben: Das „herrliche Gebäude“ ist „zertrümmert“, und „mit dem Echo ist das Wort gestorben“. Dies deutet auf einen umfassenden Verlust hin: Nicht nur der physische Tempel ist zerstört, sondern auch die Möglichkeit der Kommunikation mit dem Göttlichen. Das Echo, das im Tempel widerhallte, ist verstummt, was die Leere und das Schweigen der Gegenwart unterstreicht. Die Verwendung von Wörtern wie „zertrümmert“ und „gestorben“ erzeugt eine Atmosphäre von Trauer und Verlust. Die Anspielung auf „schöner Locken“ deutet auf das Verschwinden der Schönheit und des Ausdrucks von Anmut hin.
Die Verse beschreiben eine Veränderung des Glaubens. Der dritte Abschnitt des Gedichts führt einen neuen Aspekt ein: „Vom weiten Himmel hallt kein Lied zurücke.“ Dies verstärkt das Gefühl der Isolation und des Verlusts der Verbindung zum Göttlichen. Die Abwesenheit des göttlichen Widerhalls, die aus dem Himmel gesendet wird, symbolisiert eine Kluft zwischen der menschlichen Welt und der göttlichen Sphäre. Der Schlussvers, „Denn schrecklich ist die Macht des großen Lebens/Und unermeßlich ist es hier zu beten“, deutet darauf hin, dass die Größe und die Komplexität des Lebens so überwältigend geworden sind, dass das Gebet, die Kommunikation mit dem Göttlichen, fast unmöglich erscheint.
Insgesamt ist das Gedicht eine elegische Reflexion über den Verlust des Glaubens und der spirituellen Ordnung. Brentano malt das Bild einer Welt, in der die Verbindungen zum Göttlichen zerbrochen sind, und die Schönheit und Harmonie, die einst im Gebet und in der Anbetung gefunden wurden, verloren gegangen sind. Die sprachliche Gestaltung, mit ihren bildhaften Metaphern und dem melancholischen Ton, trägt dazu bei, die Tiefe des Verlustes und die Schwierigkeit, in der modernen Welt einen Sinn zu finden, zu vermitteln.
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