Der Briefbeutel
Träge schwimmt die Straße in den Abend.
Radfahrer klingeln,
Ein Droschkengaul prustet trabend,
Straßenlang übergießen, umzingeln
Lichter die Abendgänger.
Die Straße tönt weicher und bänger.
Drüben am Hause klappt ein Postradfahrer
Den Briefkasten zu.
Wirft den Beutel mit Feierabendruh
Auf sein Rad –
Mensch! Du! Du!
Du Schicksalsbewahrer!
Du Weltbote der Stadt!
Siehst du nicht wie der Beutel schwillt,
Wie er quillt, wie er quillt?
Ein Brandbrief lodert in ihm auf,
Ein Liebesbrief schreit rot und geil,
Ein Händler ladet ein zum Kauf,
Ein Schuft hält seine Ehfrau feil,
Ein Erpresser der Schwarzhand droht,
Einer schließt ab auf tausend Stück Brot,
Einer knüpft sich um den Hals ein Seil,
Ein Neugeborener kräht und strampelt, krebsrot,
Eine Mutter, eine Mutter ist tot –
Ich kann dies Wirbeln nicht fassen, –
Und Du, du trödelst da so gelassen!
Mensch! du bringst in alle Türen
Freudeschüren
Oder todschweren Sinn!
Um dich herum gärt Geld- und Leiberkampf,
Um dich stürzt alles Schicksal hin!
Klingelnd radelt der Bote stadthin,
In dem Straßendampf –
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Briefbeutel“ von Gerrit Engelke ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit der Ambivalenz des menschlichen Schicksals, symbolisiert durch die scheinbar unscheinbare Figur des Postboten und den von ihm transportierten Briefbeutel. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der abendlichen Atmosphäre, die durch die langsam dahinziehende Straße, die Geräusche des Verkehrs und das weichere Licht geprägt ist. Diese ruhige Szene steht im starken Kontrast zu der dramatischen Inhaltsfülle, die im weiteren Verlauf des Gedichts entfaltet wird.
Im Zentrum des Gedichts steht der Postbote, der als „Schicksalsbewahrer“ und „Weltbote der Stadt“ bezeichnet wird. Seine scheinbare Gelassenheit und Routine beim Umgang mit dem Briefbeutel stehen in krassem Gegensatz zu den unzähligen Schicksalen, Hoffnungen und Ängsten, die sich in den Briefen verbergen. Das Gedicht entfaltet eine Kaskade von Bildern, die die Bandbreite menschlicher Erfahrungen widerspiegeln: von Liebesbriefen und Kaufangeboten bis hin zu Brandbriefen, Todesnachrichten und der Ankündigung von Selbstmord. Engelke verdeutlicht damit die zentrale Rolle des Postboten als Überbringer von Freud und Leid.
Die Intensität des Gedichts wird durch die eindringliche Rhetorik und die Verwendung von Wiederholungen und Ausrufen verstärkt. Die Frage „Siehst du nicht wie der Beutel schwillt, / Wie er quillt, wie er quillt?“ und die anschließende Aufzählung der unterschiedlichen Briefinhalte erzeugen ein Gefühl von Überwältigung und Dringlichkeit. Die abschließenden Zeilen betonen die Tragweite der Aufgabe des Postboten, der unaufhaltsam durch die Stadt radelt und dabei „Freudeschüren“ oder „todschweren Sinn“ in die Häuser trägt. Das Gedicht endet mit dem Bild des Postboten, der klingelnd in der Abenddämmerung verschwindet, was die endlose und unaufhaltsame Natur des Schicksals andeutet.
Engelke thematisiert in diesem Gedicht die Allgegenwart des Schicksals und die Flüchtigkeit des Lebens. Der Postbote wird zum Stellvertreter des Schicksals, der die Nachrichten von Leben und Tod, Freude und Leid in die Häuser der Menschen trägt. Die scheinbare Unaufgeregtheit des Postboten kontrastiert mit der Dramatik der Botschaften, die er transportiert. Das Gedicht wirft Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen angesichts des Schicksals auf und erinnert uns daran, dass hinter jeder Tür eine neue Geschichte, ein neuer Schicksalsschlag wartet.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.