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Dem unbekannten Gotte

Von

Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich – und fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

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Gedicht: Dem unbekannten Gotte von Friedrich Nietzsche

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Dem unbekannten Gotte“ von Friedrich Nietzsche ist eine ergreifende Selbstvergewisserung, die von einer tiefen Sehnsucht nach einer transzendenten Macht zeugt, der der Dichter sein Leben und Wirken unterordnet. Es ist keine traditionelle Anbetung, sondern ein Bekenntnis zu einer Kraft, die der Dichter als „Unbekannt“ beschreibt, aber dennoch als bestimmend für sein Leben erfährt. Die Form des Gedichts mit ihren Reimen und der festen Strophenstruktur verleiht dem Ausdruck eine feierliche Note, die die Ernsthaftigkeit des Bekenntnisses unterstreicht.

Die ersten beiden Strophen etablieren die zentrale Thematik. Nietzsche hebt seine Hände empor, um sich an den „Unbekannten Gott“ zu wenden, dem er im Stillen schon immer Altäre errichtet hat. Diese Geste der Hingabe wird durch die Zeile „Sein bin ich“ verstärkt, die eine tiefe Verbundenheit andeutet, trotz der äußeren Umstände, wie dem Verbleib in einer „Frevler Rotte“. Die Bilder der „Schlingen“, die den Dichter im Kampf „niederziehn“, verdeutlichen die Anstrengung und den Kampf, die mit dieser Hingabe einhergehen. Die Macht des unbekannten Gottes ist so groß, dass sie den Dichter selbst gegen seinen Willen in ihren Dienst zwingt.

Die dritte Strophe drückt den Wunsch nach Erkenntnis und Dienst aus. Nietzsche möchte den „Unbekannten“ kennenlernen und ihm dienen. Die Attribute, die er ihm zuschreibt – „tief in meine Seele Greifender“, „mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender“, „Unfaßbarer, mir Verwandter“ – zeugen von einer intensiven, allgegenwärtigen Präsenz. Diese Worte vermitteln die paradoxe Natur des Gottesbildes: Einerseits unbegreiflich, andererseits dem Dichter in seinem Innersten vertraut. Der Wunsch, diesem Gott zu dienen, deutet auf eine aktive, bewusste Beziehung hin, die über passives Ertragen hinausgeht.

Das Gedicht ist somit ein eindringliches Zeugnis der Suche nach Sinn und Zugehörigkeit in einer Welt, die Nietzsche als von Gott entleert empfand. Es ist ein Ausdruck des Strebens nach einer höheren Macht, die er als unerkannte, aber allgegenwärtige Kraft in seinem Leben wahrnimmt. Die Sprache ist persönlich, direkt und von einer starken emotionalen Intensität geprägt, die die Zerrissenheit und die Sehnsucht des Dichters nach einer tiefgreifenden Verbindung mit dem Unbekannten widerspiegelt. Das Gedicht bleibt auch heute noch relevant, da es universelle menschliche Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Verhältnis zur Transzendenz anspricht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.