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Auf Dornen oder Rosen hingesunken…

Von

Auf Dornen oder Rosen hingesunken? –
– Ob leiser Atem von den Lippen fließt –
– Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt –
– Kein Öl der Lampe? – oder keinen Funken? –

Der Jüngling – betend – tot – im Schlafe trunken?
– Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt –
Was ist′s? das der gefallne Becher gießt –
– Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken –

Und sieh! des Knaben Arme Flügel werden –
– Nein Mantelsfalten, – Leichentuches Falten
Um sie strahlt Heilgenschein – zerraufte Haare –

O deute die undeutlichen Geberden,
O laß des Zweifels schmerzliche Gewalten –
Enthüll, verhüll das Freudenbett – die Bahre.

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Gedicht: Auf Dornen oder Rosen hingesunken... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Auf Dornen oder Rosen hingesunken…“ von Clemens Brentano entfaltet in einer Reihe von rhetorischen Fragen ein Szenario von Tod und Verwandlung, das von Ambivalenz und Ungewissheit geprägt ist. Die Eröffnungszeilen stellen die grundlegende Frage nach dem Zustand einer sterbenden oder toten Person: „Auf Dornen oder Rosen hingesunken?“ Diese metaphorische Gegenüberstellung deutet auf die Möglichkeit eines Leidens oder einer friedlichen Ruhe hin, die beide Extreme eines menschlichen Lebens widerspiegeln können. Die nachfolgenden Fragen, wie ob der Atem sanft oder durch Krämpfe unterbrochen wird, verstärken die Ungewissheit und lenken die Aufmerksamkeit auf das physische und emotionale Leiden.

Der Mittelteil des Gedichts verlagert den Fokus auf den Jüngling, der sich in einem Zustand zwischen Gebet und Trunkenheit befindet. Die Frage nach der „höchsten Gunst“ der Jungfrau deutet auf eine sexuelle Konnotation oder eine Liebeserfahrung hin, die nun in Frage gestellt wird. Die Metapher des „gefallnen Bechers“ und die Frage nach Gift, Wein oder Balsam verdeutlichen die Unklarheit über die Ursache des Todes oder des Zustands, in dem sich der Jüngling befindet. Dies erzeugt eine Spannung zwischen sinnlicher Ekstase und tragischer Endlichkeit, die das zentrale Thema des Gedichts ausmacht.

Der Wendepunkt des Gedichts wird durch die überraschende Verwandlung des Knaben markiert: „Und sieh! des Knaben Arme Flügel werden“. Diese Metamorphose, die durch „Mantelsfalten“ und „Leichentuches Falten“ verstärkt wird, lässt auf einen spirituellen Übergang oder eine Art Wiedergeburt schließen. Die „zerraufte Haare“ und der „Heiligenschein“ um sie deuten auf eine Verbindung zur Religion oder zum Übernatürlichen hin. Diese Transformation steht im Kontrast zu den vorherigen Fragen, die sich auf körperliche Qualen und weltliche Freuden konzentrierten.

In den abschließenden Zeilen fleht der Sprecher um eine Deutung der unklaren Zeichen und Gesten. Die Bitte, die „schmerzlichen Gewalten des Zweifels“ aufzulösen und „das Freudenbett – die Bahre“ zu enthüllen oder zu verhüllen, unterstreicht die zentrale Thematik der Ungewissheit und der Interpretation. Brentano lässt den Leser mit offenen Fragen zurück, was die Bedeutung von Tod, Liebe und Verwandlung angeht. Das Gedicht dient somit nicht nur als Beschreibung eines Ereignisses, sondern als Reflexion über die Rätsel des menschlichen Lebens und Todes, und lässt den Leser die Bedeutung dieses Übergangs erforschen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.