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An den Mai

Von

Es ist doch im April fürwahrDer Frühling weder halb noch gar.Komm, Rosenbringer, süßer Mai,Komm du herbei!So weiß ich, was der Frühling sei.- Wie aber, soll die erste Gartenpracht,Narzissen, Primeln, Hyazinthen,Die kaum die hellen Äuglein aufgemachtSchon welken und verschwinden?Und mit euch besonders, holde Veilchen,Wär′s dann fürs ganze Jahr vorbei?Lieber, lieber Mai,Ach, so warte noch ein Weilchen!

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Gedicht: An den Mai von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An den Mai“ von Eduard Mörike ist ein lyrischer Aufruf, der die Sehnsucht nach dem Frühling und die Erwartung von Schönheit und Fülle zum Ausdruck bringt. Der Sprecher, der sich im Übergang vom April zum Mai befindet, äußert seine Ungeduld und sein Verlangen nach dem vollen Erblühen der Natur. Der Ton ist dabei von einer kindlichen Direktheit geprägt, die durch die Verwendung einfacher Reime und die Anrede des Monats als „Rosenbringer, süßer Mai“ unterstrichen wird. Die sprachliche Gestaltung erzeugt eine Atmosphäre der Vertrautheit und der innigen Beziehung zur Natur.

Das Gedicht nimmt jedoch eine melancholische Wendung, als der Sprecher die Vergänglichkeit der Schönheit thematisiert. Die Frage, ob die blühenden Pflanzen, wie Narzissen, Primeln, Hyazinthen und insbesondere die Veilchen, bereits im Frühling verwelken und verschwinden, deutet auf ein Bewusstsein für die Kürze des Lebens und die Zerbrechlichkeit der irdischen Freuden hin. Diese Reflexion über das Vergehen verleiht dem Gedicht eine tiefere, nachdenklichere Ebene. Der Wechsel von der ungeduldigen Erwartung zur Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit macht die Komplexität der menschlichen Erfahrung greifbar.

Die Struktur des Gedichts spiegelt diese Entwicklung wider. Zuerst drückt der Sprecher seine Ungeduld aus, dann folgt die Betrachtung des Verfalls. Der abschließende Appell „Lieber, lieber Mai, Ach, so warte noch ein Weilchen!“ fasst beide Aspekte zusammen: die Sehnsucht nach dem Frühling und die Angst vor seinem schnellen Verschwinden. Dieser Wunsch nach einer Verzögerung des Verfalls und einer Verlängerung der blühenden Zeit ist Ausdruck einer tiefen Wertschätzung für die Schönheit und die Vergänglichkeit des Lebens.

Insgesamt ist „An den Mai“ ein Gedicht, das die Spannung zwischen der Freude am Erblühen und dem Bewusstsein der Vergänglichkeit aufgreift. Mörike fängt die menschliche Erfahrung in der Natur ein, die sowohl von Begeisterung als auch von Melancholie geprägt ist. Der liebliche Ton und die einfachen Worte machen das Gedicht zugänglich, während die tieferen Schichten der Betrachtung über das Werden und Vergehen zum Nachdenken anregen. Die Beschwörung des Mais wird so zu einem Plädoyer für die Wertschätzung des gegenwärtigen Augenblicks, der trotz seiner Kürze kostbar ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.