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Selbstgeständnis

Von

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
Und weil die andern ausblieben sind
– Was weiß ich wieviel, die sechs oder sieben, –
Ist eben alles an mir hängen blieben;
Ich hab müssen die Liebe, die Treue, die Güte
Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen,
Ich wills mein Lebtag nicht vergessen.
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,
Hätt ich nur auch Schläg für Sechse bekommen!

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Gedicht: Selbstgeständnis von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Selbstgeständnis“ von Eduard Mörike ist eine humorvolle, selbstironische Betrachtung der Kindheit und der Auswirkungen, die es auf den Erzähler hatte. Es präsentiert ein Kind, das als einziges überlebtes Kind der Mutter die Liebe, die Treue und die Güte für eine ganze Reihe von Geschwistern „aufessen“ musste.

Der erste Teil des Gedichts etabliert die Situation: Der Erzähler ist das einzige Kind seiner Mutter, da alle anderen Geschwister entweder vor oder kurz nach der Geburt starben. Diese isolierte Position führte dazu, dass er die Liebe, die Treue und die Güte, die für eine Familie mit mehreren Kindern bestimmt gewesen wären, „allein aufessen“ musste. Die Formulierung deutet an, dass diese Fülle an Zuneigung und Fürsorge für ihn erdrückend war.

Der zweite Teil des Gedichts offenbart die eigentliche Ironie. Der Erzähler räumt ein, dass er das erlebte „Lebtag nicht vergessen“ wird. Die Pointe ist jedoch in der letzten Zeile versteckt. Dort wird mit einem Augenzwinkern angedeutet, dass er im Gegenzug zu der übergroßen Zuneigung auch die „Schläg“ für alle Geschwister hätte vertragen können. Dies deutet auf eine gewisse Sehnsucht nach einer „normaleren“ Kindheit mit Konkurrenz, Strafen und weniger Aufmerksamkeit hin.

Mörike nutzt in diesem Gedicht eine einfache, umgangssprachliche Sprache, die den Eindruck von Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit erzeugt. Der Humor entsteht durch die Übertreibung und die unerwartete Wendung am Ende, die die ganze Aussage des Gedichts in ein neues Licht rückt. Es ist ein subtiler Kommentar über die Schwierigkeiten und unerwarteten Folgen der elterlichen Liebe und die Bedeutung von Gleichgewicht und Gemeinschaft in der kindlichen Entwicklung.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.