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Ideale Wahrheit

Von

Gestern entschlief ich im Wald, da sah ich im Traume das kleine
Mädchen, mit dem ich als Kind immer am liebsten verkehrt.
Und sie zeigte mir hoch im Gipfel der Eiche den Kuckuck,
Wie ihn die Kindheit denkt, prächtig gefiedert und groß.
„Drum! dies ist der wahrhaftige Kuckuck!“ – rief ich – „Wer sagte
Mir doch neulich, er sei klein nur, unscheinbar und grau?“

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Gedicht: Ideale Wahrheit von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ideale Wahrheit“ von Eduard Mörike ist eine kurze, aber ergreifende Auseinandersetzung mit der kindlichen Vorstellungskraft und der Diskrepanz zwischen idealisierten und realen Wahrheiten. Es beschreibt eine Traumerinnerung, in der der Dichter als Erwachsener auf ein Mädchen aus seiner Kindheit trifft. Das Mädchen, ein Symbol für die Unschuld und Reinheit der kindlichen Fantasie, offenbart ihm einen Kuckuck, der in der Höhe einer Eiche thront.

Der Kuckuck, wie er in der Kindheit wahrgenommen wurde, ist „prächtig gefiedert und groß“. Diese Beschreibung steht in starkem Kontrast zu der realen, nüchternen Beobachtung, dass der Kuckuck klein, unscheinbar und grau ist. Der Dichter, im Traum gefangen in der Welt seiner Kindheit, reagiert mit der Feststellung, dass dies der „wahrhaftige Kuckuck“ ist. Dieser Ausruf verdeutlicht die emotionale und ästhetische Wertigkeit der kindlichen Vorstellung, die eine höhere Wahrheit darstellt als die rationale Erkenntnis des Erwachsenen.

Die Verwendung des Wortes „Ideale“ im Titel unterstreicht die zentrale Thematik des Gedichts: die Suche nach idealen, oft unerreichbaren Wahrheiten, die in der Kindheit und in der Phantasie zu finden sind. Das Gedicht reflektiert die Sehnsucht nach einer Welt, die frei von der Nüchternheit und dem Pragmatismus des Erwachsenenalters ist. Die Frage nach der wahren Natur des Kuckucks wird zu einer Frage nach der Bedeutung von Schönheit, Größe und Vorstellungskraft gegenüber den Grenzen der Realität.

Mörikes Sprache ist einfach und bildhaft, wodurch die emotionale Wirkung des Gedichts verstärkt wird. Die kurze Form, die auf wenige Verse reduziert ist, erzeugt eine bemerkenswerte Intensität. Die Traumsequenz dient als Rahmen, in dem der Dichter die Bedeutung von Kindheit, Vorstellungskraft und der Suche nach idealen Wahrheiten erforscht. Das Gedicht ist eine poetische Reflexion über die Nostalgie nach einer Welt, in der die Fantasie die Realität überstrahlt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.