Im Frühling
1816Der Frühling kam, der Frühling rief Vom Berg in′s Tal hinunter: “Wär′ euer Schlaf auch noch so tief, Ihr Schläfer, werdet munter!”
Da regten tausend Keime sich Und wurden stark und stärker, Und dehnten sich und streckten sich Und sprengten ihre Kerker.
Da traten Blätter zart und weich Aus kleinen braunen Wiegen, Um schüchtern an den schlanken Zweig Sich innig anzuschmiegen.
Da sprang Schneeglöckchen pfeilgeschwind Aus seinem grünen Bette; Es glaubte schon das schöne Kind, Daß es verschlafen hätte.
Da öffneten sich allzumal Die Särge der Winterschläfer; Da spielten in der Sonne Strahl Die Mücken und die Käfer.
Da wurden auch die Veilchen wach, Die tief im Grase wohnen, Und bunte Primeln folgten nach Und weiße Anemonen.
Da fing mein Herz zu klopfen an, So schmerzlich und so bange; Ein Strom von bittern Tränen rann Heiß über meine Wange.
Der Lieben hab′ ich still gedacht, Die grüne Hügel decken, Und die der Lenz mit seiner Macht Nicht kann vom Schlaf erwecken.
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Interpretation
Das Gedicht "Im Frühling" von Julius Karl Reinhold Sturm beschreibt die Ankunft des Frühlings und das Erwachen der Natur. Der Frühling ruft vom Berg ins Tal, um alle Schläfer zu wecken, und tausend Keime regen sich, werden stark und sprengen ihre Kerker. Zarte Blätter treten aus ihren braunen Wiegen hervor und schmiegen sich an die schlanken Zweige. Das Schneeglöckchen springt schnell aus seinem grünen Bett, glaubt aber, es hätte verschlafen. Das Erwachen der Natur setzt sich fort, als die Winterschläfer ihre Särge öffnen und Mücken und Käfer in der Sonne spielen. Veilchen, Primeln und Anemonen erwachen ebenfalls und bringen Farbe in die Landschaft. Doch während die Natur erwacht, erfüllt das Gedicht den Erzähler mit einem Gefühl von Schmerz und Bangigkeit. Sein Herz beginnt zu klopfen, und ein Strom bitterer Tränen rinnt über seine Wange. Der Erzähler denkt an die Liebsten, die unter grünen Hügeln ruhen und vom Lenz nicht aus dem Schlaf erweckt werden können. Das Gedicht vermittelt somit eine ambivalente Stimmung zwischen der Freude über das Erwachen der Natur und der Trauer um die Verstorbenen, die nicht mehr am Frühling teilhaben können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Und die der Lenz mit seiner Macht Nicht kann vom Schlaf erwecken
- Personifikation
- Der Frühling kam, der Frühling rief