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Früh im Wagen

Von

Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;

Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:

So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.

Dein blaues Auge steht,
Ein dunkler See, vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.

An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.

Die Sonne kommt. Sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.

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Gedicht: Früh im Wagen von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Früh im Wagen“ von Eduard Mörike ist eine melancholische Betrachtung über Abschied, Schmerz und die Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart. Der Titel deutet auf eine Reise im Morgengrauen hin, während die ersten beiden Strophen eine Beschreibung der frühen Morgenstimmung liefern. Diese Naturdarstellung dient jedoch nur als Hintergrund für die eigentliche Thematik: die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs.

Die ersten Verse beschreiben die Dämmerung, den ersten Morgenreif und den aufsteigenden Tag, während gleichzeitig der Mond noch am Himmel steht. Dieser Kontrast zwischen dem Aufbrechen des neuen Tages und der Präsenz des Mondes, der die Nacht symbolisiert, spiegelt die innere Zerrissenheit des Sprechers wider. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem, was vergeht (die Nacht, der Abschied) und dem, was neu beginnt (der Tag, die Zukunft). Das „Schmerzensglück“ der Abschiedsnacht, die in der dritten Strophe angesprochen wird, zeigt, dass der Schmerz des Abschieds mit einer vergangenen Liebe verbunden ist, die noch gegenwärtig ist.

Die folgenden Strophen widmen sich dem Rückblick auf die geliebte Person. Das „blaue Auge“ und der „Kuß“ sind starke Sinneseindrücke, die die Präsenz der Geliebten in der Erinnerung des lyrischen Ichs lebendig machen. Die Intensität dieser Erinnerung wird durch das Bild des Weinens am Hals der Geliebten verstärkt, wodurch der Schmerz des Abschieds körperlich erfahrbar wird. Die „Purpurschwärze“, die vor dem Auge webt, deutet auf eine Überwältigung durch Emotionen hin, die das lyrische Ich fast in Ohnmacht versetzt.

Die letzte Strophe markiert einen abrupten Übergang. Die Sonne, das Symbol des neuen Tages, vertreibt den Traum und die Erinnerung an die Geliebte. Ein kalter Schauer erfasst das lyrische Ich, ein Ausdruck der Realität, der das Ende der Illusion und die Konfrontation mit der Gegenwart bedeutet. Mörikes Gedicht ist somit eine poetische Reflexion über die Schwierigkeit, sich von der Vergangenheit zu lösen, und die schmerzliche Erfahrung, sich mit den Veränderungen der Zeit auseinanderzusetzen. Es ist ein tiefgründiges Porträt von Verlust, Sehnsucht und der Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.