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Zorn und Liebe

Von

O Zorn! du Abgrund des Verderben,
Du unbarmherziger Tyrann,
Du frißt und tötest ohne Sterben
Und brennest stets von Neuem an;
Wer da gerät in deine Haft
Gewinnt der Hölle Eigenschaft.

Wo ist, o Liebe, deine Tiefe,
Der Abgrund deiner Wunderkraft?
Oh, wer an deiner Quell entschliefe,
Der hätte Gottes Eigenschaft;
O wer, o Lieb, in deinem Meer
Gleich einem Tropfen sich verlör!

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Gedicht: Zorn und Liebe von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Zorn und Liebe“ von Clemens Brentano ist eine Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Kräfte, die das menschliche Dasein maßgeblich beeinflussen: Zorn und Liebe. Das Gedicht ist in zwei gleich gebaute Strophen unterteilt, wobei jede Strophe sich einem der beiden Pole widmet. Die Wahl der Worte und Bilder deutet auf eine tiefe Auseinandersetzung mit den Auswirkungen dieser Emotionen auf das menschliche Leben und streicht ihre gegensätzlichen Eigenschaften hervor.

Die erste Strophe beschreibt den Zorn als eine zerstörerische und unerbittliche Macht. Brentano zeichnet ein Bild des Zorns als „Abgrund des Verderbens“ und „unbarmherziger Tyrann“, der unaufhörlich frisst und tötet. Die Metaphern, wie „brennest stets von Neuem an“ und „Gewinnt der Hölle Eigenschaft“, verstärken den Eindruck der zerstörerischen Natur des Zorns. Er wird als eine Kraft dargestellt, die den Menschen verschlingt und ihn in ein höllisches Dasein verdammt. Der Zorn ist hier nicht nur eine Emotion, sondern eine alles verzehrende Macht, die das Wesen des Menschen negativ beeinflusst.

Die zweite Strophe wendet sich der Liebe zu und stellt sie als das genaue Gegenteil des Zorns dar. Brentano bezeichnet die Liebe als „Tiefe“, als „Abgrund deiner Wunderkraft“. Diese Metaphern deuten auf eine unermessliche, heilende und wundersame Qualität der Liebe hin. Die Formulierung „Der hätte Gottes Eigenschaft“ vergleicht die Liebe mit göttlicher Vollkommenheit und Unendlichkeit. Der Wunsch, sich in der Liebe zu verlieren, als „einem Tropfen sich verlör“, zeigt die Sehnsucht nach einer Vereinigung mit etwas Größerem, nach einer Auflösung des Ichs in der allumfassenden Liebe.

Brentano erreicht durch die Gegenüberstellung der beiden Extreme eine klare Botschaft: Zorn führt zu Zerstörung und Verderben, während die Liebe Heilung und Erhöhung verheißt. Die bewusste Wahl der Bilder und Metaphern, wie die Gegenüberstellung von Hölle und Gott, unterstreicht die moralische Dimension des Gedichts. Es ist eine Ermahnung, sich von der zerstörerischen Macht des Zorns zu lösen und sich stattdessen der alles vereinigenden Kraft der Liebe zu öffnen. Das Gedicht ist somit ein Plädoyer für die Liebe und eine Warnung vor den destruktiven Folgen des Zorns.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.