Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?
Wo ruht ein Grund, nicht stets durchwühlt?
Wo strahlt ein See, nicht stets durchspült?
Ein Mutterschoß, der nie erkühlt?
Ein Spiegel, nicht für jedes Bild –
Wo ist ein Grund, ein Dach, ein Schild,
Ein Himmel, der kein Wolkenflug,
Ein Frühling, der kein Vögelzug,
Wo eine Spur, die ewig treu,
Ein Gleis, das nicht stets neu und neu?
Ach, wo ist Bleibens auf der Welt,
Ein redlich, ein gefriedet Feld,
Ein Blick, der hin und her nicht schweift,
Und dies und das und nichts ergreift,
Ein Geist, der sammelt und erbaut –
Ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut?
Ich trage einen treuen Stern
Und pflanzt ihn in den Himmel gern
Und find kein Plätzchen tief und klar
Und keinen Felsgrund zum Altar;
Hilf suchen, Süße, halt, o halt,
Ein jeder Himmel leidt Gewalt.
Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Suche nach Beständigkeit und Ewigkeit in einer Welt, die durch Unbeständigkeit geprägt ist. Der Dichter stellt rhetorische Fragen, die nach Orten und Zuständen fragen, die dem Wandel widerstehen und echte, dauerhafte Gefühle und Werte repräsentieren. Die wiederholte Frage „Wo?“ unterstreicht die Verzweiflung und die Suche nach etwas Unveränderlichem.
Die erste Hälfte des Gedichts beschreibt eine Reihe von Metaphern, die die Suche nach diesen bleibenden Werten verdeutlichen. Brentano fragt nach einem Herzen, einem Grund, einem See, einem Mutterschoß, einem Spiegel, einem Schild, einem Himmel, einem Frühling, einer Spur und einem Gleis, die alle Eigenschaften der Beständigkeit und Treue besitzen. Jede dieser Metaphern steht für etwas, das dem Wandel widersteht, sei es die Tiefe der Emotionen, die Sicherheit des Zuhauses oder die Klarheit des Geistes. Doch die Art und Weise, wie die Fragen gestellt werden, impliziert bereits ihre eigene Negation: Die Welt ist voller Veränderung und Unbeständigkeit.
In der zweiten Hälfte des Gedichts verdichtet sich die Sehnsucht nach Beständigkeit zu einer direkten Suche nach „Bleibens“ auf der Welt. Hier werden die Begriffe „redlich, gefriedet Feld“, „Blick, der hin und her nicht schweift“ und „Geist, der sammelt und erbaut“ aufgerufen, um die Qualitäten zu beschreiben, die der Dichter sucht. Das Gedicht mündet in einer direkten Ansprache an die „Süße“ (die Braut der Sehnsucht), die um Hilfe bei der Suche bittet. Die abschließenden Zeilen sind von einem Gefühl der Resignation und Enttäuschung geprägt, da der Dichter feststellt, dass selbst der Himmel „Gewalt leidt“ – also dem Wandel unterworfen ist.
Das Gedicht drückt somit die universelle menschliche Sehnsucht nach Halt und Beständigkeit in einer Welt aus, die von ständiger Veränderung und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Es ist eine kluge Reflexion über die Unmöglichkeit, vollkommene Beständigkeit zu finden, und gleichzeitig ein Aufruf, nach diesen Idealen zu streben. Durch die rhetorischen Fragen und die Verwendung von Bildern, die sowohl vertraut als auch geheimnisvoll sind, gelingt es Brentano, die Leser in seine Suche nach dem Ewigen einzubeziehen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
