Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , , , ,

Wenn der lahme Weber träumt, er webe…

Von

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl′ die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau′ es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau′ es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Wenn der lahme Weber träumt, er webe... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Wenn der lahme Weber träumt, er webe…“ von Clemens Brentano ist eine Betrachtung über die Natur des Traumes, die Sehnsucht und die bittere Realität des Erwachens. Es beginnt mit einer Reihe von Beispielen, in denen Individuen in Träumen ihre fehlenden Fähigkeiten oder unerfüllten Wünsche ausleben. Der lahme Weber, die kranke Lerche, die stumme Nachtigall, das blinde Huhn, das starre Erz und das taube Nüchternheit, sie alle träumen von dem, was ihnen in der realen Welt verwehrt bleibt. Brentano erschafft so eine universelle Ebene der Sehnsucht, die über alle Grenzen der körperlichen oder geistigen Einschränkung hinausgeht.

Die zweite Hälfte des Gedichts kippt die Idylle des Traumes abrupt. Die „Wahrheit“ tritt ins Bild, nackt und ohne Rücksicht auf die Träume. Sie bringt das „Glanzgefunkel“ und den „Tanz durchs Dunkel“ mit sich, was die Erleuchtung, aber auch die Zerstörung der Traumwelt symbolisiert. Die Wahrheit reißt die Träume „schmerzlich übern Haufen“, was die brutale Natur des Erwachens und der Erkenntnis verdeutlicht. Die Metaphern der „Fackel“ und der „Schmerz-Schalmeien“ verstärken das Gefühl der Zerstörung und des Verlusts.

Die abschließenden Zeilen sind ein erschütternder Kommentar zur Vergänglichkeit von Träumen und den Konsequenzen des Erwachens. Die „süßen Wunder“ und die „armen Herzen“ gehen verloren, ohne Opfer gebracht zu haben. Dies impliziert, dass die Erfüllung von Träumen, sei es durch künstlerische Schöpfung oder durch das Erleben von Schönheit, in der realen Welt flüchtig und letztlich dem Verfall unterworfen ist. Es ist ein melancholisches Eingeständnis der Unvereinbarkeit von Traum und Realität.

Brentanos Sprache ist reich an Bildern und Metaphern, die die emotionalen Tiefen des Gedichts unterstreichen. Die Verwendung von Personifikationen und der Kontrast zwischen der bunten Traumwelt und der schmerzhaften Realität erzeugen eine starke Wirkung. Der Reim und der Rhythmus tragen zur musikalischen Qualität bei und verstärken die melancholische Stimmung. Insgesamt ist das Gedicht eine eindringliche Reflexion über die Natur des menschlichen Daseins, die Sehnsucht, den Traum und die unerbittliche Realität.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.