Wenn die Augen brechen,
Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,
Wenn das pochende Herz sich stillet
Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:
Oh, dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder,
Und ich hör der Engel Lieder wieder,
Die das Leben mir vörübertrugen,
Die so selig mit den Flügeln schlugen
Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,
Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,
Die so süße, wild entbrannte Psalmen sangen,
Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,
Bis das Leben war gefangen und empfangen;
Bis die Blumen blühten;
Bis die Früchte glühten
Und gereift zum Schoß der Erde fielen,
Rund und bunt zum Spielen;
Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten
Und die Wintersterne sinnend lauschten,
Wo der stürmende Sämann hin sie säet,
Daß ein neuer Frühling schön erstehet.
Stille wird′s, es glänzt der Schnee am Hügel,
Und ich kühl im Silberreif den schwülen Flügel,
Möcht ihn hin nach neuem Frühling zücken,
Da erstarret mich ein kalt Entzücken –
Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne,
Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne,
Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen
Schau ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;
Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen,
Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:
Süßer Tod, süßer Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot!
Schwanenlied
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Schwanenlied“ von Clemens Brentano ist eine melancholische Betrachtung über den Tod und das Leben, das im Sterben seinen Höhepunkt findet. Das lyrische Ich, vermutlich am Ende seines Lebens stehend, blickt zurück auf die Vergangenheit und findet Trost und Schönheit im Abschied. Der erste Teil des Gedichts zeichnet ein Bild des physischen Verfalls, der sich in den sich brechenden Augen, stumm werdenden Lippen und dem stillstehenden Herzen manifestiert. Es ist ein Abschied von der körperlichen Welt, der jedoch nicht als Verlust, sondern als Übergang in eine andere, traumhafte Sphäre wahrgenommen wird.
Der zweite Teil des Gedichts ist durchzogen von einer idealisierten Erinnerung an das Leben. Das lyrische Ich hört die „Engel Lieder wieder“, eine Metapher für die schönen Momente und Erfahrungen, die das Leben geprägt haben. Die Bilder des Frühlings, der Blumen und Früchte symbolisieren das Wachstum, die Freude und die Sinnlichkeit des Lebens. Die Natur wird hier als ein Kreislauf aus Werden und Vergehen dargestellt, in dem auch der Tod eine natürliche Rolle spielt. Die Zeilen „Bis die Blumen blühten; / Bis die Früchte glühten“ zeugen von einer Wertschätzung für die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens.
Die Stimmung wechselt in der letzten Strophe von der Erinnerung zur unmittelbaren Erfahrung des Sterbens. Der „kalte Entzücken“ deutet auf die Unaufhaltsamkeit des Todes hin, der die körperlichen Funktionen einfriert und das Herz in einen See verwandelt, auf dem Mond und Sonne sanft gleiten. Trotz dieser Kälte und Erstarrung wandelt sich die Perspektive. Die Leiden werden zu Freuden, die Schmerzen zu Scherzen, und das gesamte Leben verwandelt sich in ein Gesang, das aus dem Herzen des lyrischen Ichs quillt.
Das zentrale Motiv des Gedichts ist der Übergang vom Leben zum Tod, der hier nicht als tragisch, sondern als erlösend und harmonisch wahrgenommen wird. Der „süße Tod“ im letzten Vers ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach der Auflösung und der Vereinigung mit einer höheren Ordnung. Die Verwendung von Bildern der Natur, der Engel und der Harmonie deutet auf eine tiefe Verbundenheit mit der Welt und dem Universum hin. Das Gedicht feiert das Leben, indem es den Tod akzeptiert und ihm einen positiven, sinnstiftenden Wert beimisst.
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