Es stehen vor dem Hebekran
Ein kleines Kind, ein Hund, ein Mann
Die Eisenkette rollt und rinnt,
Es staunen Mann und Hund und Kind.
Da saust sie nieder auf den Grund,
Zerschmettert Mann und Kind und Hund.
Gemäßigt naht die Polizei,
Ein Chemiker ist auch dabei,
Bis er den Totbestand befund:
Ein kleines Kind, ein Mann, ein Hund.
Unglücksfall
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Unglücksfall“ von Klabund beschreibt einen tragischen Unfall, der in seiner Kürze und Direktheit umso beklemmender wirkt. Der Aufbau des Gedichts ist klar strukturiert: Zuerst wird die Szene beschrieben – die Protagonisten, ein Hebekran und die erwartungsvolle Spannung. Dann folgt die Katastrophe, die in wenigen Worten das Unglück selbst und die daraus resultierenden Toten zusammenfasst. Abschließend wird die Reaktion der Behörden und die lapidare Feststellung des Chemikers beschrieben, womit der Kreis geschlossen und die Tragödie vollendet wird.
Die Dramatik des Gedichts liegt in der Gegenüberstellung von harmloser Erwartung und plötzlichem Tod. Das Staunen von Mann, Hund und Kind vor dem Hebekran suggeriert eine unschuldige Neugier, die abrupt durch das Herabstürzen der Kette unterbrochen wird. Diese Zäsur ist nicht nur ein Akt der Gewalt, sondern auch ein Verlust an Unschuld und Leben, der durch die Aufzählung „Mann und Kind und Hund“ im zweiten Teil noch verstärkt wird. Klabund verzichtet auf jegliche Sentimentalität oder detaillierte Beschreibung des Geschehens, wodurch die Wirkung des Gedichts durch die Reduktion auf das Wesentliche umso stärker wird.
Die Ironie des Gedichts liegt in der nüchternen Darstellung der Reaktionen auf den Unfall. Die Polizei und der Chemiker treten auf, um die Fakten zu ermitteln. Ihre Anwesenheit und die lapidare Feststellung des Chemikers („Ein kleines Kind, ein Mann, ein Hund“) zeigen die menschliche Ohnmacht und das Eingeständnis des Verlustes in einer Welt, in der das Leben selbst zu einer kalten Statistik wird. Es ist ein Kommentar zur Bürokratie und der Gleichgültigkeit angesichts des Todes, die durch die Reduktion des menschlichen Schicksals auf die reine Aufzählung der Opfer unterstrichen wird.
Die Sprache Klabunds ist einfach und reduziert, wodurch die Tragödie umso deutlicher wird. Die Reimform (AABB) und der Rhythmus des Gedichts verleihen ihm etwas Beiläufiges, das im krassen Gegensatz zu der Schwere des Inhalts steht. Diese bewusste Gegenüberstellung von Form und Inhalt erzeugt eine Spannung, die das Gedicht zu einem eindringlichen und nachhaltigen Erlebnis macht. Das Gedicht ist eine Mahnung über die Fragilität des Lebens und die Sinnlosigkeit des Todes im Angesicht eines unvorhersehbaren Unglücks.
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