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Sonette des Spielers

Von

Wir liegen in der Welt. Das erste Spiel
Treibt wohl die Mutter mit den Brüsten leis.
Dann tritt die Amme in den krausen Kreis,
Sie weiß sehr wenig und sie lehrt uns viel.

Der Bleisoldat schießt nun nach seinem Ziel.
Beim Murmelschieben winkt manch schöner Preis.
Mit Reifen rennen freut den Buben. Sei′s
Für sich, sei′s mit dem zärtlichen Gespiel.

Dem Mädchen, dem die erste Andacht gilt.
Bald spielt sie mit dem Knaben ganz allein.
Sie streichelt ihn. Sie schmollt. Sie lacht. Sie schilt.

Er flieht zu Würfel, Dirnenscherz und Wein.
Sie wendet schaudernd sich von seinem Bild
Und stößt unwissend ihn in Nacht hinein.

Ich bin kein Mensch, aus dem man Staaten macht,
Und keiner machte jemals Staat mit mir.
Ich bin von jedem Hökerweib verlacht,
Und man rangiert mich unter Stein und Tier.

Ich bin mit keinem Elternpaar bedacht.
Ich saufe als Assessor nicht mein Bier;
Ich ruf der Soldateska nicht: Habt Acht!
Und schlafe klein im dunkelsten Revier.

Oft aber schieß ich strahlend wie die Blüte
Der Sonnenblume über Nacht ins Blau,
Und Sonne steht mir himmlisch im Gemüte.

Ich schlag die Volte wie sein Rad der Pfau
Und schwebe übersinnlich in die Mythe
Am Arm der engelgleichen Carofrau.

Wem je die Muse sich vervierfacht bot,
Der wandelt trunken über diese Auen.
Was dünken ihn die Haus- und Straßenfrauen
Und was Narzissenwind im Abendrot.

Er schlägt drei Könige bedeutsam tot.
Selbst eine volle Hand darf er beschauen.
Er schüttet in den Abgrund jenen lauen
Kübel voll Jammertum und Menschennot.

Melpomene, du mit der Maske Pik,
Thalia, Sterngelächter hell im Herzen,
Du Klio, trefflich, mit dem Zeichen Sieg –

Oft stand ich sumpfversunken tief in Schmerzen
Da winkte, daß die Seele mondwärts stieg,
Kalliope mit goldnen Hochzeitskerzen.

Mir träumte einst von einer zarten Neun.
Ich hielt sie sicher gegen fünf und sieben.
Millionen waren in der Bank geblieben,
Nun durft ich sie in alle Winde streu′n.

Ich schenkte einem Mädchen sie beim Heu′n.
Ich ließ das Gold in goldnen Sieben sieben.
Ich wagte tausend Frau′n zugleich zu lieben,
Und brauchte keinen schlimmen Schutzmann scheu′n.

Ich kaufte mir die blanken Feldherrntressen,
Die Horizonte, die mein Auge sah,
Ließ meine Verse nur in Silber pressen.

Ich badete mich in Lawendel – ah –
Und kaufte für den Rest mir das Vergessen –
Doch dich vergaß ich nimmer, Bakkarat!

Wenn Gold wie reifes Korn das Schicksal mäht:
O selig durch die späte Nacht zu streichen
Und einen Hunderter der ersten reichen,
Die mir verhärmt und grau entgegenweht.

Ihr Dankesseufzer gilt mehr als Gebet.
Vor meinem Glücke muß ein jeder weichen.
Vor meinem Angesicht sind Menschen Leichen,
Um die, noch lebend, Hauch des Aases steht.

Ich stolpre funkelnd weiter auf der Wacht
Zum liebsten Mädchen, das am Fenster lauscht.
Ich hör sie huschen. Eine Lippe lacht.

Ich seh sie hinterm Vorhang, der sich bauscht,
Ich steig durchs Fenster, schüttle ihr die Pracht
Des Reichtums in den Schoß, der golden rauscht.

Sie hocken, ihre Socken schweißgetränkt,
Den Leib bedeckt mit braven Jägerhemden.
Sie dulden keinen zugereisten Fremden,
Und jeder Groschen wird verschämt gesenkt.

Der Blick am Blatt steil wie am Galgen hängt.
Man teilt. Ein scheuer Jude flüstert: »Wemm denn?«
Ein Turnvereinler preist den Kreuzer Emden,
Indem er feurig seine Röllchen schwenkt.

Zwei Herrn erbleichen, weil sie stark verlieren
(So zwei Mark achtzig, wenn ich richtig sah.
Mir geht das Spiel beträchtlich an die Nieren,

Beziehungsweise die es spielen…) »Tja«,
Strahlt der Herr Apotheker, »Grand mit Vieren«
Und fühlt als Sohn sich der Germania.

Es spielen dreie mit verdeckten Karten.
Ein dummer Vierter findet sich zumeist,
Der ihre Heuchelei als Tugend preist
Und den sie mit erhab′nen Reden narrten.

Dieweil er sinnend in den Höhen reist
Und seine Sinne der Erfüllung harrten,
Lächeln die andern höhnisch, und sie karrten
Schutt auf sein Veilchenbeet, das Wehmut heißt.

Er nennt die Wahrheit Spiegel, Spiel und Pflicht.
Und offen will er seine Pfeile senden.
Sein Gegenspieler ist auf Mord erpicht.

Umsonst: er kann das Schicksal nicht mehr wenden.
Den andren demaskiert das Morgenlicht,
Und dreizehn Trümpfe hält er schwarz in Händen.

Ich habe, Jahr, dein Sinnbild bald erbeutet:
Du Coeur bist Frühlingsblut- und Blütenfarbe.
Du Caro bindest Sonnenschein zur Garbe,
Du Pik bist Glocke, die zum Herbste läutet.

Wenn Hund und Mensch sich dann im Winter häutet,
Und man begreift, daß man um alles darbe:
Fühlt man in seiner Brust die alte Narbe
Und sieht das schwarze Kreuz, das Treff bedeutet.

Ein kurzer Weg vom Herz voll Lenz und Blut
Zum schwarzen Kreuze, das man ächzend schleppt.
Einst war man Kind und spielte Kindheit gut.

Nun steht auf leichter Bühne man und stept
In gelbem Frack und violettem Hut.
Man glaubt zu neppen – und man wird geneppt.

Es geht wohl immer einer neben dir,
Er sieht dir in das aufgeschlagne Blatt,
Er läuft am Wagen als das fünfte Rad
Und trinkt mit dir aus einem Glase Bier.

Er ist dein Schatten, und du bist sein Tier.
Was du auch schlingst, er sagt sich niemals satt.
Dein ganzes Dasein scheint ihm schal und matt,
Und er verlangt sein Leben, ach, von dir.

Wohin du auch die müden Schritte lenkst,
Wie eine Bremse schwirrt er stets um dich.
Und was du tust und was du auch bedenkst:

Er zehrt von deinem Ansehn brüderlich.
Wenn du dich in des Todes Masse mengst:
Er bleibt am Leben: geil und lüderlich.

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Gedicht: Sonette des Spielers von Klabund

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Sonette des Spielers“ von Klabund ist eine komplexe Auseinandersetzung mit der Sucht, dem Spiel und den damit verbundenen existenziellen Erfahrungen. Es ist kein einzelnes Sonett, sondern eine Sammlung von Sonetten, die zusammen ein umfassendes Bild des Spielers, seiner Welt und seines Untergangs zeichnen. Der Titel deutet bereits auf die zentrale Thematik hin: das Spiel, das als Metapher für das Leben selbst verwendet wird.

Die Sonette spannen einen weiten Bogen, der von den Kindheitserfahrungen des Spielers bis zu seinem tragischen Ende reicht. Der Beginn der Sonettenreihe beschreibt spielerische Momente der Kindheit. Die „Sonette des Spielers“ beginnen mit Kinderspielen und unschuldigen ersten Begegnungen mit der Welt, die allmählich in die ersten Erfahrungen mit dem Spiel übergehen. Diese kindliche Unschuld weicht jedoch bald den ersten Verlockungen des Glücksspiels und den damit verbundenen Abgründen. Es folgen Szenen, in denen der Spieler in die Welt der Dirnen, des Alkohols und des Würfelspiels eintaucht. Diese Momente sind gekennzeichnet von dem unaufhaltsamen Drang nach dem großen Gewinn, der jedoch immer wieder in Verlust und Verzweiflung umschlägt.

Die Sonette thematisieren die Illusion des Glücks und die zerstörerische Kraft der Spielsucht. Klabund zeichnet das Bild eines Menschen, der sich in einem Kreislauf von Gewinn und Verlust, Rausch und Ernüchterung verliert. Das Spiel wird zur Obsession, zur Ersatzbefriedigung, zur Flucht vor der Realität und schließlich zum Inbegriff des Lebens selbst. Durch die verschiedenen Spielsituationen und die damit verbundenen Emotionen (Gier, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung) entlarvt Klabund die menschlichen Schwächen und die Sinnlosigkeit des Glücksspiels. Die Sonette sind auch eine Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, in denen der Spieler gefangen ist.

Die Sonette nutzen eine Vielzahl von Bildern und Symbolen, um die tieferen Bedeutungsebenen des Spiels und des Lebens zu ergründen. Kartenfarben (Herz, Karo, Pik, Kreuz) werden zu Sinnbildern der Jahreszeiten und der menschlichen Existenz. Das Herz steht für Frühling und Liebe, Karo für den Sommer und Sonnenschein, Pik für den Herbst und Tod, und das Kreuz für den Winter und das Ende. Auch die Motive des „Schatten“, der „Bremse“ und des „Beobachters“ (der „fünfte Rad“) verdeutlichen die destruktiven Auswirkungen der Spielsucht und die Abhängigkeit des Spielers. Klabund verwendet eine Sprache, die zwischen Sinnlichkeit, Ironie und Melancholie changiert, um die emotionale Tiefe und die Vielschichtigkeit des Themas widerzuspiegeln.

Insgesamt ist „Sonette des Spielers“ ein düsteres, aber auch faszinierendes Werk, das die Abgründe des menschlichen Daseins aufzeigt. Klabund seziert die Psychologie des Spielers und enthüllt die Mechanismen der Sucht. Das Gedicht ist nicht nur eine Kritik am Glücksspiel, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens: Glück, Leid, Sinn und Vergänglichkeit. Es ist ein eindringliches Porträt eines Menschen, der versucht, sein Glück im Spiel zu finden, aber letztlich an seinen eigenen Sehnsüchten und seinem unstillbaren Verlangen scheitert. Die Sonettenform mit ihrem klaren Aufbau und ihren präzisen Reimen unterstreicht die Klarheit und Prägnanz der Botschaft.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.