Oberammergau in Amerika
Was unsern Christus Lang betrifft,
So hatte er sich eingeschifft,
Um in atlantischen Bezirken
Fürs heilige Christentum zu wirken.
In Boston war er hinterm Zaun
Wie′n Gnu für′n Dollar anzuschaun,
Mit ihm im feschen Dirndlkleid
Maria Magdala. All right.
Es wußten Mister, Miss und Missis
Bisher von Christus nichts Gewisses,
Bis salbungsvoll und blondbehaart
Er sich leibhaftig offenbart.
Er kommt aus Bayerns Urwaldwildnis,
Verkauft für zwanzig Cents sein Bildnis
Mit Palme, Kreuz und Ölbaumreis.
(In Holz geschnitzt ein höherer Preis.)
Ach, manche Miss entbrannte schon
Für ihn in großer – yes – Passion.
Barnum erblaßt vor Neid und kläfft:
Weiß Gott, sein Sohn versteht′s Geschäft…
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Oberammergau in Amerika“ von Klabund ist eine humorvolle Satire auf die Kommerzialisierung und touristische Ausbeutung des religiösen Erbes, insbesondere der Passionsspiele von Oberammergau, die in die USA übertragen werden. Es nimmt die heiligen Gestalten und die religiösen Motive der christlichen Tradition und transferiert sie in einen kapitalistischen Kontext, in dem sie zu bloßen Waren degradiert werden.
Die ersten beiden Strophen etablieren die Szenerie und die Protagonisten. Christus, dargestellt als „Lang“, hat sich auf den Weg nach Amerika gemacht, um dort das Christentum zu verbreiten. Die Ironie liegt darin, dass er nicht als Heilsbringer, sondern als eine Art Kuriosität präsentiert wird, die für einen Dollar besichtigt werden kann, vergleichbar mit einem exotischen Tier wie einem Gnu. Maria Magdalena, in einem „feschen Dirndlkleid“, wird zur Begleiterin und zum Teil der kommerziellen Inszenierung. Der Ausruf „All right“ unterstreicht die amerikanische Einstellung der Akzeptanz und des schnellen Konsums, die im Gegensatz zur Ehrfurcht und dem Glauben der religiösen Tradition steht.
Die nächsten beiden Strophen vertiefen die Kritik an der Vermarktung des Glaubens. Christus, der aus Bayern stammt, verkauft sein Bildnis für einen geringen Preis, was die Entweihung des heiligen Bildes verdeutlicht. Die Holz-Schnitzerei bietet eine teurere Variante, was die kapitalistische Logik des Angebots und der Nachfrage widerspiegelt, selbst im Bereich der religiösen Kunst. Die Reaktion der „Miss“ zeigt, wie die religiöse Figur durch die Inszenierung eine oberflächliche, sogar romantische Anziehungskraft ausübt, die jedoch wenig mit dem eigentlichen Glauben zu tun hat.
In der letzten Strophe gipfelt die Satire in einem Seitenhieb auf den berühmten Zirkusdirektor P.T. Barnum, der für seine spektakulären Shows und die Ausbeutung von Kuriositäten bekannt war. Barnum erblasst vor Neid, was die Konkurrenz im Markt der Sensationen und des Spektakels betont. Die abschließende Bemerkung deutet an, dass sogar Barnums Sohn die neue Geschäftsidee versteht, was die allgegenwärtige Kommerzialisierung und die Degradierung des Religiösen zu einem bloßen Geschäft unterstreicht. Klabunds Gedicht ist somit eine bissige Kritik an der Vereinfachung und Kommerzialisierung von Religion in einer kapitalistischen Gesellschaft.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.