Nachruf auf Cuno
Cuno steigt in die Arena.
Mensch, wie er, so kann es keena.
Cuno wird das Tau schon ziehn.
Er dreht ′s Ding nicht – ′s Ding dreht ihn.
Cuno stemmt mit Pappgewichten.
Cuno wird die Zwietracht schlichten.
Geht die Sache noch so schief:
Cuno ist und bleibt passiv.
Steigt der Dollar in die Puppen:
Cunon kann das nicht verschnuppen.
Er verschenkt zum Schleuderpreise
Pfund und Dollar scheffelweise.
Cuno, das ist unser Mann.
Cuno regt den Spartrieb an.
Jeder Arbeit wird ihr Lohn:
Eine Mark gleich ′ner Million.
Steuernstundung, Markkredite:
Alles für des Volks Elite.
Stinnes singt von steiler Höh
In den Alpen: Sauve qui peut.
Cuno pirscht auf Nietzsches Fährte:
Unterwertung aller Werte.
Cuno sagt aus Karten wahr.
Was er nicht zahlt, zahlt er bar.
Cuno spielt für uns Patience
Mit Kanonen, Gas und Tanks.
Treibt′s Poincaré idiotisch:
Cuno schafft es mehr auf gotisch.
Cuno ist für alles gut,
Cuno hebt gesunknen Mut,
Senkt die Mark von Etsch bis Belt
Unter alles in der Welt.
Steigt ins Walhall deutscher Geister
Cuno jetzt, der Währungsmeister –
Läßt′s nicht zur Verzweiflung treiben:
Helfferich, er wird uns bleiben!
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Nachruf auf Cuno“ von Klabund ist eine bissige Satire auf den deutschen Reichskanzler Wilhelm Cuno, der während der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg amtierte. Es ist ein politischer Kommentar, der die Inkompetenz und die katastrophalen wirtschaftlichen Entscheidungen Cunos auf ironische Weise anprangert. Der Text nutzt eine Vielzahl von Stilmitteln, um den Leser zum Nachdenken anzuregen und eine kritische Haltung gegenüber der dargestellten Person und den Umständen zu erwecken.
Das Gedicht verwendet eine Kombination aus Lobpreisung und Kritik, die durch Ironie verstärkt wird. Cuno wird in der ersten Strophe als eine Art Held dargestellt, der „in die Arena steigt“ und „das Tau schon ziehn“ wird. Dieser scheinbare Lob wird jedoch sofort durch die Feststellung relativiert, dass „er dreht’s Ding nicht – ’s Ding dreht ihn“, was seine Passivität und das Fehlen von Kontrolle über die Ereignisse andeutet. Diese Technik der doppelbödigen Aussage zieht sich durch das gesamte Gedicht, indem positive Attribute verwendet werden, um negative Konsequenzen zu beschreiben.
Die weiteren Strophen enthüllen Cunos Unfähigkeit, die Wirtschaft zu stabilisieren. Er wird als unfähig dargestellt, die Inflation zu erkennen und zu bekämpfen, indem er „Pfund und Dollar scheffelweise“ verschenkt. Die satirische Darstellung erreicht ihren Höhepunkt in den Zeilen, in denen Cuno die Mark in den Keller treibt und die Werte untergräbt. Durch die Übertreibung und die Verwendung von humorvollen Bildern – wie der Hinweis auf die „Steuernstundung“ für die „Volks Elite“ – wird die Ungerechtigkeit und das Chaos, das Cuno verursacht, kritisch dargestellt. Die Erwähnung von Persönlichkeiten wie Stinnes und Helfferich, die ebenfalls in die Wirtschaft verstrickt waren, verstärkt den politischen Charakter des Gedichts.
Die Verwendung von Allegorien, wie der Bezug zu Nietzsches „Unterwertung aller Werte“, sowie der Vergleich von Cuno mit einem Meister der „Patience“ (im kartenspiel) der „Kanonen, Gas und Tanks“ spielt, unterstreicht Klabunds Absicht, die katastrophalen Folgen der Wirtschaftspolitik Cunos mit sprachlicher Präzision und satirischer Schärfe zu visualisieren. Die Verwendung von humorvollen Formulierungen und sprachlichen Wendungen mildert die Schwere der Thematik ab, während die allgemeine Botschaft die Leser dazu anregt, über die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von Cunos Führung nachzudenken. Am Ende des Gedichts wird deutlich, dass Cuno nicht allein verantwortlich ist, da er durch eine weitere prominente Figur aus der gleichen politischen Ära, Helfferich, in der Verantwortung bleibt. Der Text endet mit einem zynischen Hinweis auf die Fortsetzung des Elends.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.