Man soll in keiner Stadt…
Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
Wenn man die Männer hat weinen sehen
Und die Frauen lachen,
Soll man von dannen gehen,
Neue Städte zu bewachen.
Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
Wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück.
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
Meine Sohlen eilen
Unter einem Himmel, der auch sie besternt.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Man soll in keiner Stadt…“ von Klabund thematisiert die Vergänglichkeit und die Notwendigkeit des Aufbruchs, um die eigene Erfahrung und die Erinnerung an das Erlebte zu bewahren. Es ist ein Plädoyer für die Bewegung, für das Nicht-Festlegen und für das ständige Unterwegssein, das neue Perspektiven und Erfahrungen ermöglicht. Die erste Strophe etabliert die Hauptaussage: Man soll sich nicht zu lange an einen Ort binden.
Die erste Strophe stellt die Hauptthese auf, dass man eine Stadt verlassen sollte, sobald man sie vollends kennengelernt hat. Das Wissen um ihre Geschichte, die Freuden und Leiden ihrer Bewohner, soll Anlass zum Weiterziehen sein. Die Aussage verdeutlicht eine gewisse Distanzierung, eine Beobachterhaltung, die ein Verweilen unmöglich macht. Man soll die Stadt „bewachen“, ein Ausdruck, der die Rolle des Reisenden als Bewahrer der Erfahrung und der Erinnerung suggeriert. Es geht nicht um Flucht, sondern um eine bewusste Entscheidung für Veränderung und die Suche nach Neuem. Die Metapher des „Bewachens“ deutet an, dass der Reisende die Stadt und ihre Erfahrungen in sich trägt und sie in seine eigene Persönlichkeit integriert.
Die zweite Strophe vertieft das Thema der Verbundenheit und der bewahrten Erinnerung. Trotz des Abschieds von Freunden und Geliebten, die in der Stadt zurückbleiben, wandert die Stadt gewissermaßen mit dem Reisenden. Sie wird zum ewigen Glück, zur Quelle von Erinnerungen und Erfahrungen, die das eigene Leben bereichern. Dies unterstreicht, dass die gesammelten Erfahrungen untrennbar mit dem Reisenden verbunden sind und ihn auf seinem Weg begleiten. Die Erinnerung an die Stadt wird zu einem stetigen Begleiter.
Die abschließende Strophe konkretisiert die tiefe Verwurzelung der Erinnerungen im Reisenden. Die in der Stadt gelernten Lieder erklingen in den eigenen Liedern, die Erfahrungen prägen die eigene Identität. Die „Sohlen eilen“ unter dem gleichen Himmel, was die globale Verbundenheit und die universelle Erfahrung des Reisens betont. Das Gedicht feiert somit nicht nur die Erfahrung des Reisens, sondern auch die Fähigkeit, die gewonnenen Eindrücke und Erinnerungen in das eigene Leben zu integrieren und weiterzutragen. Das Gedicht endet mit einer fast romantischen Note, in der der Reisende und die Stadt auf eine besondere Art und Weise zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.